Können Sie sich kurz vorstellen?
Ich bin Jessica Reinsch und arbeite als Bildungsreferentin für Internationale Jugendarbeit bei der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten Sachsen e.V. (AGJF).
Meine Hauptaufgabe besteht darin, Einrichtungen der Jugendarbeit in Sachsen dabei zu unterstützen, die internationale Dimension ihrer Arbeit auszubauen und langfristig zu stärken. Ein großer Teil meiner Tätigkeit steht im Zusammenhang mit dem Programm Erasmus+ Jugend. Im Kern geht es jedoch darum, Organisationen beim Aufbau nachhaltiger internationaler Strukturen zu begleiten.
Dazu gehören Qualifizierungsangebote, Fortbildungen für Fachkräfte sowie viel Übersetzungsarbeit im übertragenen Sinne: europäische Jugendpolitik und Programme so aufzubereiten, dass sie auf lokaler Ebene verständlich werden und im Alltag der Jugendarbeit tatsächlich Anwendung finden.
Können Sie uns etwas über Ihre Organisation und Ihre Arbeit erzählen?
Ich arbeite bei der AGJF Sachsen, einem landesweiten Dachverband der Jugendarbeit in Sachsen. Wir vertreten und unterstützen unterschiedliche Träger der Jugendarbeit – von freien Organisationen bis zu kommunalen Trägern wie Jugendämtern.
Innerhalb der AGJF gibt es verschiedene Arbeitsbereiche und Projekte mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Der Bereich, in dem ich tätig bin, heißt Uferlos – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit.
Uferlos fungiert als regionale Kompetenzstelle für internationale Jugendarbeit. Unser Team besteht aus drei Personen, und unser Ziel ist es, internationale Jugendarbeit strukturell in Sachsen zu stärken. Es geht also nicht nur um die Unterstützung einzelner Projekte, sondern um den Aufbau nachhaltiger Strukturen, Kompetenzen und Netzwerke im gesamten Arbeitsfeld.
Wie unterstützen Sie Einrichtungen dabei, internationale Erfahrungen zu machen?
Viele Einrichtungen der Jugendarbeit in Sachsen haben bislang wenig oder gar keine Erfahrung mit internationaler Jugendarbeit. Das Interesse ist oft vorhanden, doch der Einstieg erscheint kompliziert – genau hier setzen wir an.
Zu meinen Aufgaben gehören Fortbildungen für Fachkräfte, individuelle Beratung sowie ganz praktische Unterstützung. Bei internationalen Projekten begleiten wir Organisationen vor allem dabei, das Programm Erasmus+ Jugend als Lern- und Entwicklungsrahmen zu verstehen und zu nutzen.
Oft beginnt alles mit einer konkreten Idee: Ein Jugendclub plant beispielsweise ein Graffiti-Projekt zu Themen, die junge Menschen bewegen. Gemeinsam überlegen wir dann, wie daraus eine internationale Jugendbegegnung entstehen kann. Viele Fachkräfte finden die Idee spannend, verfügen jedoch weder über Erfahrung noch über internationale Partner. Deshalb ist Netzwerkaufbau ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit. Ich vernetze Jugendclubs mit Partnerorganisationen aus ganz Europa und begleite die Fachkräfte durch Trainings und individuelle Beratung.
Ein weiteres wichtiges Thema ist der Antragsprozess. Für Einsteigerinnen und Einsteiger ist das Erasmus+-Antragsverfahren komplex und wenig intuitiv. Daher begleite ich Organisationen Schritt für Schritt. Formal liegt diese Aufgabe bei JUGEND für Europa als Nationaler Agentur, doch unsere Erfahrung zeigt: Zusätzliche Unterstützung auf regionaler Ebene macht einen entscheidenden Unterschied. Die Kenntnis lokaler Strukturen und eine langfristige Zusammenarbeit erleichtern den Zugang erheblich.
Darüber hinaus nimmt die AGJF Sachsen auch eine politische Rolle wahr und ist in landespolitische Gremien eingebunden. Dadurch fungieren wir als Bindeglied zwischen kleinen lokalen Trägern und politischen Entscheidungsträgern. Gleichzeitig können wir europäische Perspektiven – etwa die European Youth Work Agenda – in regionale Kontexte übersetzen.
Wie ist Ihre Arbeit mit der European Youth Work Agenda (EYWA) verbunden?
Ehrlich gesagt entstand diese Verbindung nicht durch eine strategische Planung, sondern eher durch eine Erkenntnis. Im vergangenen Jahr nahm ich an einer Online-Veranstaltung von JUGEND für Europa teil, bei der es einen Workshop zur European Youth Work Agenda gab. Als ich die Prioritäten hörte, wurde mir klar: Vieles davon setzen wir bereits in unserer täglichen Arbeit um – wir haben es nur nie so benannt.
Wenn ich mit Fachkräften zusammensitze und Ideen für internationale Projekte entwickle, denke ich nicht bewusst: “Jetzt setzen wir die Agenda um.” Vielmehr geht es ganz praktisch darum, was die jeweilige Organisation braucht, was in ihrem Kontext sinnvoll ist und wie internationale Jugendarbeit konkret unterstützen kann. Betrachtet man diese Fragen im Nachhinein, spiegeln sie jedoch genau die Zielsetzungen der Agenda wider.
Die EYWA möchte Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit ja insbesondere in acht Handlungsfeldern stärken, die u.a. vom Angebotsausbau für junge Menschen über Qualitätsentwicklung, Vernetzung und Innovation bis hin zu Anerkennung und politischer Stärkung reichen. Mit welchen Prioritätsbereichen fühlen Sie sich besonders verbunden?
Ein für uns zentraler Aspekt ist die Qualitätsentwicklung. Dabei geht es nicht um abstrakte Diskussionen über Qualität, sondern darum, sie praktisch nutzbar zu machen. Durch Beratung, Trainings und Qualifizierungsangebote arbeiten wir intensiv an Fragen wie: Was bedeutet Qualität in einem konkreten Projekt? Woran wird sie sichtbar? Und wie müssen Methoden, Budgets und Strukturen gestaltet sein, damit auch junge Menschen mit geringeren Chancen tatsächlich teilnehmen können?
Ein praktischer Bestandteil unserer Arbeit ist zudem die Entwicklung von Materialien für Fachkräfte – etwa Leitfäden, Tools oder Formate, die bei Planung und Umsetzung internationaler Projekte helfen und reflexives Arbeiten fördern.
Qualität hängt außerdem stark von passenden Partnerschaften ab. Die richtigen Partner können entscheidend für den Erfolg eines Projekts sein. Deshalb unterstützen wir Fachkräfte gezielt bei der Suche nach Organisationen, die zu ihren Ideen, Zielgruppen und Arbeitsweisen passen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Kompetenzentwicklung, die eng mit der 8. Priorität “ein strategischer Rahmen für die Weiterentwicklung von Youth Work” verbunden ist. Jedes Jahr organisieren wir mehrere Fortbildungen, beispielsweise zu Inklusion oder spielbasiertem Lernen. Unabhängig vom Thema integriere ich stets internationale Perspektiven. Häufig erkennen Teilnehmende dabei erstmals, dass viele Methoden oder Materialien aus Erasmus+-Kooperationsprojekten stammen. Dieser Moment ist oft ein Wendepunkt: Sie sehen plötzlich, welche Möglichkeiten Erasmus+ Jugend bietet, und beginnen, eigene Projekte weiterzudenken.
Insgesamt bewegt sich Uferlos an der Schnittstelle zwischen europäischen Strategien und Programmen für die Jugendarbeit und der alltäglichen Praxis der Jugendarbeit. Wir übersetzen große politische Konzepte in konkrete Handlungsmöglichkeiten auf lokaler und regionaler Ebene – auch wenn wir es nicht immer so benennen.
Wie wünschen Sie sich die zukünftige Entwicklung Ihrer Arbeit?
Für die Zukunft wünsche ich mir vor allem, dass unsere Fachstelle als dauerhafte Struktur gestärkt wird. Derzeit basiert unsere Arbeit auf jährlicher Förderung, was bedeutet, dass wir jedes Jahr neue Anträge stellen müssen. Eine langfristige Finanzierung würde nachhaltige Planung und Weiterentwicklung erheblich erleichtern.
Ein weiteres Thema ist die Wirkungsmessung. Politische Entscheidungsträger erwarten häufig klare Kennzahlen, doch Jugendarbeit lässt sich nicht immer in Zahlen abbilden. Aus der Praxis wissen wir, dass sie wirkt – auch wenn sich dies nicht immer statistisch nachweisen lässt. Diese Spannung sollte ehrlicher anerkannt werden, statt zu versuchen, alles messbar zu machen.
Langfristig wünsche ich mir außerdem, dass sich unsere Rolle verändert. Idealerweise wäre eine spezialisierte Fachstelle wie Uferlos irgendwann weniger notwendig, weil internationale Jugendarbeit selbstverständlich geworden ist. Wenn internationale Perspektiven, Mobilität und Kooperation überall ein natürlicher Bestandteil der Jugendarbeit wären, wäre das für uns der größte Erfolg.
(Interview: Nik Paddison, übersetzt von JUGEND für Europa)
Weiterführende Informationen
Weitere Informationen über die European Youth Work Agenda finden Sie hier: https://www.jugendfuereuropa.de/vernetzungen-weiterbildung/growing-youth-work
Die 8 Prioritätsbereiche sind in diesem Factsheet erklärt.
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