Liebe Heike, liebe Ingrid, der Treffpunkt ist traditionell der Ort, an dem ihr gemeinsam mit den Projektträgern auf die Umsetzung der Programme schaut. Wie fällt euer Blick auf das vergangene Jahr aus – wo stehen Erasmus+ Jugend, das ESK und Erasmus+ Sport aktuell?
Wir befinden uns inzwischen schon im vorletzten Jahr dieser Programmgeneration. Seit zwei Jahren beobachten wir deutlich ansteigende Antragszahlen in allen Formaten und schöpfen inzwischen fast überall unser Förderbudget aus. Wir haben eine Steigerung der Antragszahlen von 32% gegenüber dem Vorjahr.
Erfreulich ist auch die stabil hohe Inklusionsrate. Auch die anderen Prioritäten werden vielfach aufgegriffen, wobei der Klimawandel erkennbar an Gewicht verliert, was angesichts seiner gesellschaftlichen Relevanz bedauerlich ist. Umgekehrt gibt es inzwischen mehr Projekte, die digitalen Wandel aufgreifen und sich mit der Nutzung und den Folgen von KI beschäftigen.
Übergang zur neuen Programmgeneration
Welche Rückmeldungen habt ihr in diesem Jahr von den Projektträgern bekommen? Was funktioniert in der Umsetzung gut – und wo stoßen die Träger weiterhin auf Schwierigkeiten?
Beim Treffpunkt selbst haben wir neben Lob zum Service der Nationalen Agentur vor allem Rückmeldungen zu den IT-Tools erhalten, wobei das Beneficiary Module inzwischen positiv bewertet wird, während Kritik sich überwiegend auf das PASS-Tool bezieht. Auch zu den Antragsformularen, der Versicherung im ESK und Youthpass gab es klare Verbesserungsvorschläge.
Allgemein sehr positiv wird das Akkreditierungsverfahren betrachtet, das den Trägern wesentlich mehr Gestaltungsfreiraum in der Planung und Umsetzung ihrer Projekte bietet. Erfreulich ist, dass die EU-Kommission schon daran arbeitet, den akkreditierten Trägern im ESK und Erasmus+ einen möglichst leichten Übergang in die nächste Programmgeneration zu ermöglichen.
Dieses Jahr ging es beim Treffpunkt unter anderem wieder um die Programmprioritäten Inklusion, Partizipation, ökologischer Wandel, digitale Transformation. Welche dieser Themen beschäftigen die Träger derzeit besonders – und wie werden sich die Prioritäten in der neuen Programmgeneration verändern?
Ein paar Aspekte haben wir ja schon benannt. Inklusion ist und bleibt für den Jugendbereich ein zentrales Thema. Diesmal haben wir uns ausführlicher mit der Frage beschäftigt, wie bisher unterrepräsentierte Zielgruppen junger Menschen erreicht werden können und welche Rolle Soziale Medien hierbei spielen. Mitglieder des Jugendbeirats haben aus ihrer Praxis berichtet und wertvolle Impulse geben können.
Zur Priorität Ökologischer Wandel lag der Fokus diesmal auf Zukunftskompetenzen und der Frage, wie junge Menschen und Organisationen Herausforderungen und Krisen der Zukunft meistern können.
Was die Zukunft der Prioritäten in der neuen Programmgeneration betrifft, gehen wir davon aus, dass alle bisherigen Prioritäten erhalten bleiben. Was aber auf jeden Fall deutlich mehr Gewicht bekommen wird, ist der Themenkomplex rund um Demokratie, Antidiskriminierung, Menschenrechte und gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Noch nicht klar abzusehen ist, ob und wie die neuen Strategien der EU-Kommission, z.B. Preparedness, Intergenerational Fairness oder Union of Skills sich konkret in dem Nachfolgeprogramm niederschlagen werden.
Der Treffpunkt 2026 blickt bereits auf die nächste Programmgeneration ab 2028. Was zeichnet sich derzeit ab: Was wird bleiben, was wird sich verändern – und welche Themen könnten künftig an Bedeutung gewinnen?
Voraussichtlich wird sich an den Fördermöglichkeiten aus beiden Programmen, also Erasmus+ und ESK, kaum etwas verändern.
Wir gehen davon aus, dass alle bestehenden Aktionen mehr oder weniger unverändert fortgeführt werden. Ausnahme hiervon ist geplante Zusammenführung von Solidaritätsprojekten und Jugendpartizipationsprojekten.
Im Sport zeichnet sich ab, dass die Leitaktion 2 voraussichtlich dezentralisiert wird, so dass die Träger im Sport zukünftig eine zentrale Anlaufstelle haben werden.
Beide Förderverfahren, sowohl das Akkreditierungs- wie auch das Einzelantragsverfahren werden im Grundsatz erhalten bleiben. Offen ist dagegen, inwiefern neue Wege der Antragstellung gefunden werden, mit denen auf die Entwicklungen von Antragszahlen und Nutzung von KI bei der Antragstellung reagiert wird.
Zukunft gestalten für junge Menschen
Der Treffpunkt beschäftigte sich in diesem Jahr intensiv mit Zukunftskompetenzen und der Frage, wie junge Menschen und Organisationen mit den Herausforderungen und Krisen der Zukunft umgehen können. Welche Kompetenzen werden aus eurer Sicht künftig besonders wichtig – und welchen Beitrag können die EU-Jugendprogramme dazu leisten?
Diese Frage wurde auch den Teilnehmenden des Treffpunkts gestellt. In den Antworten traten vor allem Resilienz, Weltoffenheit, Flexibilität, Umweltbewusstsein, kritisches Denken, Medienkompetenz, Ambiguitätstoleranz und Empathie hervor. Das können wir nur unterstreichen. Für eine zukunftsfähige Gesellschaft müssen junge Menschen lernen, mit Wandel umzugehen und diesen aktiv mitzugestalten.
Die Programme bieten hierfür ideale Erfahrungsräume, in denen junge Menschen sich ausprobieren, Verantwortung übernehmen, solidarisch handeln und Selbstwirksamkeit erfahren können. Wir wünschen uns, dass Träger ihre Projekte auf Zukunftsgestaltung ausrichten.
Wenn junge Menschen Visionen entwickeln, für die sie sich engagieren wollen, und die notwendigen Kompetenzen hierfür erwerben, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunftskompetenzen gemacht.
Herausforderungen für Erasmus+ Sport
Erasmus+ Sport ist inzwischen stärker in den Treffpunkt integriert. Welche Erfahrungen habt ihr mit der Entwicklung des Programmbereichs gemacht, und welche Themen und Herausforderungen bringen die Sportorganisationen in diesem Jahr besonders ein?
Nach einem eher zögerlichen Start des Sportbereichs beobachten wir erfreulicherweise jetzt einen kontinuierlichen Anstieg der Antragszahlen und eine hohe Bewilligungsquote; sehr positiv ist auch die meist gute bis sehr gute Qualität in den Anträgen und Projekten. Von den Projekten profitieren sowohl die einzelnen Teilnehmer*innen als auch die Vereine, deren Angebote sich weiterentwickeln und deren Attraktivität für ehrenamtliches Engagement steigt.
Ein Hindernis für deutsche Sportstrukturen bleibt aber die Beschränkung auf nur ein Projekt mit maximal 10 Teilnehmenden pro Jahr. Die deutschen Sportstrukturen hätten Kapazitäten und Bedarf für mehr – das wird jedoch aktuell noch von den Förderregeln verhindert und ist uns auch beim Treffpunkt wieder kritisch zurückgemeldet worden.
Wichtig war den Trägern dort auch, wie es mit Sport in der nächsten Programmgeneration weitergeht; gewünscht werden vor allem eine Ausweitung der Zahl von Anträgen und Teilnehmenden und mehr Möglichkeiten für den Austausch von Sportler*innen selbst. Thematisch beschäftigt unsere Träger, wie man dem Bewegungsmangel begegnen und Lust auf Sport machen kann, wie mit begrenzten räumlichen Möglichkeiten umgegangen werden kann und nicht zuletzt, wie das Ehrenamt im Sport gefördert und gestärkt werden kann.
Liebe Heike, liebe Ingrid, wir bedanken uns herzlich für das Interview!
(JUGEND für Europa)