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Rückenwind aus Europa für die Jugendarbeit im ländlichen Raum

Von Dezember 2024 bis Januar 2026 haben acht Kommunen an einem Projekt der Nationalen Kontaktstelle zur Umsetzung der EYWA (European Youth Work Agenda) in Deutschland teilgenommen. Das Projekt unterstützte deutsche Kommunen durch Vernetzungsveranstaltungen, Projektplanungsworkshops und individuelles Coaching dabei, lokale Partnerschaften aufzubauen und mit eigenen Aktivitäten zur Umsetzung der EYWA in Deutschland beizutragen.

Unter den beteiligten Kommunen waren zwei aus dem ländlichen Raum: der Landkreis Erding in Bayern und die Verbandsgemeinde Rhein-Selz in Rheinland-Pfalz. Im Interview mit Kristin Hüwel (Geschäftsführerin des Kreisjugendrings Erding) und Stephanie Feuffel und Tobias Albert (Kinder- und Jugendbüro der Verbandsgemeinde Rhein-Selz) gehen wir den besonderen Herausforderungen nach, die sich in eher ländlich geprägten Räumen ergeben.

JfE: Was war eure besondere Motivation, am Projekt der Nationalen Kontaktstelle teilzunehmen? Was war eure Ausgangslage und wo lagen ggf. eure spezifischen Bedarfe?

Kristin Hüwel: Die internationale Jugendarbeit ist für den Kreisjugendring Erding ein neues Aufgabenfeld. Nach einer Restrukturierung im Jahr 2023 haben wir erstmals einen Fokus auf die internationale Jugendarbeit gelegt. Jugendlichen wollen wir die Chance bieten, dem Erstarken von nationalistischen Strömungen mit positiven Erfahrungen entgegenzutreten. 

Spannende Herausforderungen waren für uns nicht nur die allgemeine politische Lage, sondern auch die Tatsache, dass der Kreisjugendring zu dieser Zeit mit lediglich zwei halben Stellen besetzt war und über keinerlei finanzielle Ausstattung für die Kinder- und Jugendarbeit verfügte. Zumindest haben wir mittlerweile eine weitere halbe Stelle für die offene Kinder- und Jugendarbeit besetzen können.

Der Kreisjugendring Erding war seit Herbst 2023 Europa Flaggschiff des Bayrischen Jugendrings, wodurch das Thema insgesamt im Jugendring eine deutlich tiefere Verankerung erfuhr. Schnell wurde deutlich, wie wertvoll ein gutes Netzwerk ist, wenn erfolgreich auf dem Gebiet der internationalen Jugendarbeit gearbeitet werden soll. Hier werden nicht nur Informationen, Ideen und Formate ausgetauscht, sondern auch Wertschätzung, Respekt, Freundschaft und Mut. Eigenschaften, die nicht nur unsere Teilnehmer*innen gut gebrauchen können, sondern auch Fachkräfte, die sich neu in das Thema einarbeiten.

Als wir die Chance erhielten, uns als eine der acht Partnerschaften der European Youth Work Agenda zu bewerben, haben wir sofort zugegriffen. Zwei Aspekte haben uns dabei besonders angesprochen: a) die weitere Chance, uns auf dem Feld der internationalen Jugendarbeit zu vernetzen – für uns ein game changer. Und b) die Möglichkeit, inhaltlich in und für dieses wichtige Thema zu arbeiten. 

Indem das Arbeitsfeld der internationalen Jugendarbeit bekannter und anerkannter wird und greifbarer auch für kleine Institutionen wie uns, können wir einen Betrag dazu leisten, Demokratiebildung und europäische Wertevermittlung auf fast spielerische Weise einen Schritt nach vorne zu bringen. 

Stephanie Feuffel / Tobias Albert: Unsere Motivation, an dem Projekt teilzunehmen, war der Wunsch, die internationale Jugendarbeit in unserer Region zu starten. Bisher gab es in unserer Verbandsgemeinde keine Strukturen für internationale Jugendarbeit außerhalb des schulischen Kontexts, was wir als großen Nachteil empfanden. Wir wollten den Jugendlichen in unserer Region die Möglichkeit geben, über den lokalen und nationalen Rahmen hinauszublicken, internationale Erfahrungen zu sammeln und sich mit Gleichaltrigen aus anderen Ländern auszutauschen.

Den ersten Anstoß dazu erhielten wir durch die Teilnahme an der Veranstaltung „Europa als Ressource für kommunale Jugendarbeit“, die vom 29. Februar bis 1. März 2024 in Hamm stattfand. Dort konnten wir uns mit anderen Kommunen austauschen und bekamen Einblicke, wie Europa als Plattform für die Förderung von Jugendprojekten genutzt werden kann. 

Diese Veranstaltung hat uns motiviert, das Thema intensiver anzugehen und die ersten Schritte in Richtung einer nachhaltigen internationalen Jugendarbeit zu machen. Gleichzeitig wurde uns bewusst, dass wir in diesem Bereich noch ganz am Anfang stehen und dringend Unterstützung benötigen, um Strukturen und Netzwerke aufzubauen.

Was sind aus eurer Sicht die besonderen Herausforderungen im eher ländlich bzw. suburban geprägten Umfeld?

Kristin Hüwel: Erding hat S-Bahn-Anschluss an München und ist zugleich sehr ländlich geprägt. D. h. wir haben ein stark heterogenes Bild. Auf der einen Seite Gymnasiast*innen in den beiden größeren Städten des Landkreises mit guten Möglichkeiten zur Mobilität und auf der anderen Seite Mittelschüler*innen mehrheitlich in den ländlichen Regionen mit oft tiefer, traditioneller Verwurzelung und manchmal mit wenig Interesse, aber auch geringen Möglichkeiten zur Mobilität. 

Eine Herausforderung ist es, tatsächlich die richtige Zielgruppe zu erreichen. Der Bedarf auf Seiten der Jugendlichen mit formal höherer Bildung ist deutlich geringer, da sie bereits ausreichend protegiert werden. Die Herausforderung besteht darin, generell eine positive Bereitschaft zur internationalen Jugendarbeit zu wecken. Diese Bereitschaft benötigen wir nicht nur bei der eigentlichen Zielgruppe, sondern vor allem auch bei den politischen Entscheidungsträgern und Fördergebern. 

„Die Jugendlichen fahren doch ins Ausland“, wird gern als Gegenargument angeführt. Das Verständnis, dass der Kurztrip nach Mallorca einen anderen Nachhall als eine internationale Begegnung hat, muss erst noch geweckt werden. Wir erfahren also bei manchen Entscheidungsträger*innen mäßig bis wenig Akzeptanz mit unserem Vorhaben. Internationale Jugendarbeit scheint hier mehr als die Luxusvariante der Jugendarbeit verstanden zu werden. 

Mit vielen dringenden Themen im Landkreis, wie z.B. Umbau des Krankenhauses oder des Landratsamtes etc. ist das Budget für freiwillige Leistungen und somit Unterstützung der internationalen Jugendarbeit eher gering. Folge sind fehlende Ressourcen, vor allem personelle Ressourcen, die unsere Arbeit deutlich erschweren.

Stephanie Feuffel / Tobias Albert: Im ländlichen Raum gibt es einige spezifische Herausforderungen, die die Umsetzung internationaler Jugendarbeit erschweren. Eine der größten Hürden ist das Fehlen bestehender Strukturen, wie beispielsweise Partnerschaften mit anderen Städten oder Regionen, die als Grundlage für internationale Projekte dienen könnten. Ohne solche Partnerschaften ist es schwierig, den ersten Schritt zu machen und geeignete Kooperationspartner für internationale Jugendarbeit zu finden.

Ein weiteres Problem ist die eingeschränkte Mobilität der Jugendlichen. Im ländlichen Raum fehlen oft die Infrastruktur und die finanziellen Mittel, um internationale Begegnungen zu organisieren oder Jugendlichen den Zugang zu solchen Angeboten zu erleichtern. Auch die Sensibilisierung und Motivation der lokalen Akteure, wie Vereine, Schulen oder andere Jugendorganisationen, stellen eine Herausforderung dar. Häufig fehlt das Bewusstsein für die Bedeutung internationaler Jugendarbeit und deren Mehrwert für die persönliche und soziale Entwicklung der Jugendlichen.

Darüber hinaus gibt es im ländlichen Raum weniger Ressourcen und Netzwerke, auf die man zurückgreifen kann. Während in städtischen Gebieten oft bereits etablierte Strukturen und ein größeres Angebot an Fördermöglichkeiten existieren, müssen im ländlichen Raum viele Dinge von Grund auf neu aufgebaut werden.

Wie seid ihr diese Herausforderungen angegangen? Welche Ziele habt ihr euch selbst vorgenommen? Was hat gut funktioniert und wo hakt es ggf. noch?

Kristin Hüwel: Unser Ziel ist es, Jugendliche unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Schulform und -leistung und finanziellem Hintergrund der Eltern von internationaler Jugendarbeit zu begeistern. Um die Basis hierfür zu bereiten, benötigen wir gerade in den ländlichen Gemeinden starke Fürsprecher. 

Neben den Kontakten zu Schulen und Gemeindejugendpfleger*innen haben wir aktiv den Kontakt zu den Bürgermeister*innen und Jugendreferent*innen gesucht. Wir wissen, dass Jugendliche sich aufgrund der Empfehlung von Lehrer*innen, Jugendleiter*innen bzw. Jugendarbeiter*innen oder Eltern für die Teilnahme an einem internationalen Austausch oder Begegnung entscheiden, d.h. für uns, dass wir diese als Zielgruppen definieren und erreichen müssen. 

Starke Fürsprecher sind Bürgermeister*innen und Gemeinderatsmitglieder, die sich für die internationale Jugendarbeit begeistern und Eltern überzeugen können. Schulen kooperieren aufgrund von direktem, persönlichem Kontakt, so dass wir persönliche Treffen vereinbaren, um die Projekte vorzustellen. So lassen sich am leichtesten die Bedenken der Fachkolleg*innen ausräumen. 

Allerdings bedarf es auch hier der Richtigstellung, dass wir die Teilnahme an der Maßnahme nicht durch Leistung und Finanzkraft limitieren wollen. Kontaktadressen, Türöffner und weitere Unterstützung erhielten wir über unsere Mitglieder in der Steuergruppe (Anm. d. Red.: u.a. zahlreiche Bürgermeister*innen). Heute können wir sagen, dass unser Projekt im Landkreis angekommen ist und stetig mehr Befürworter*innen findet. Die zu Beginn zögerliche Unterstützung weicht langsam einer breitflächigen Fürsprache.

Um den sehr eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten zu begegnen, hat der Kreisjugendring Erding sich entschlossen, EU-Fördermittel zu beantragen. Durch die Unterstützung der Kolleg*innen und des Coaches bei EYWA, konnten wir dank guter Beratung Erfolge erzielen.

Stephanie Feuffel / Tobias Albert: Um die Herausforderungen zu bewältigen, haben wir zunächst versucht, mit verschiedenen Kooperationspartnern zusammenzuarbeiten. Dabei haben wir jedoch festgestellt, dass die Zusammenarbeit mit mehreren Partnern gleichzeitig oft zu Komplikationen führt, da unterschiedliche Erwartungen, Arbeitsweisen und Ziele aufeinanderprallen können. Diese Erfahrung hat uns gezeigt, dass es sinnvoll ist, zunächst klein anzufangen und schrittweise vorzugehen. Unser erster Schritt ist es daher, gezielt nach internationalen Partnern zu suchen, mit denen wir eine langfristige Zusammenarbeit aufbauen können.

Ein weiteres Ziel war es, Jugendliche und lokale Akteure in unserer Region für das Thema internationale Jugendarbeit zu sensibilisieren und zu motivieren. Wir haben Workshops und Informationsveranstaltungen organisiert, um das Interesse zu wecken und erste Ideen für mögliche Projekte zu sammeln.

Was gut funktioniert hat, war der Austausch und die Inspiration durch die anderen Modellkommunen im Rahmen des Projekts. Wir konnten von deren Erfahrungen profitieren und konkrete Ansätze kennenlernen, wie wir unsere eigenen Strukturen verbessern können. Allerdings gibt es immer noch Herausforderungen, insbesondere bei der langfristigen Etablierung von Partnerschaften und der Sicherstellung der notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen.

Was hat euch das Projekt und der Austausch mit im Kreis der acht Modellkommunen gebracht? Wo konnte es euch helfen? 

Kristin Hüwel: Unglaublich gewinnbringend waren die Vernetzung und die Unterstützung, die wir erfahren haben.  Das gilt sowohl für die Vernetzung mit den Partner*innen auf unserer Ebene, bei denen wir viel Zuspruch, Mut und Ideen generieren konnten, als auch für die Vernetzung mit nationalen Institutionen, die notwendigen, fachlichen Input und Wege zur Förderung eröffneten. 

Aber auch die Unterstützung der Coaches, die sämtliche Bedarfe in professionelle Formen gegossen haben. Nach innen wie außen hat die Partnerschaft ein positives Image hinterlassen und dient heute als Basis für den weiteren Aufbau tragfähiger Strukturen.

Stephanie Feuffel / Tobias Albert: Das Projekt hat uns in vielerlei Hinsicht weitergebracht. Besonders wertvoll war der Austausch mit den anderen Modellkommunen, die bereits über mehr Erfahrung in der internationalen Jugendarbeit verfügen. Durch diesen Austausch konnten wir von den Synergieeffekten profitieren und Best-Practice-Beispiele kennenlernen, die uns als Orientierung dienen. Es war hilfreich zu sehen, wie andere Kommunen ähnliche Herausforderungen gemeistert haben und welche Strategien bei ihnen erfolgreich waren.

Darüber hinaus hat uns das Projekt geholfen, ein besseres Verständnis für die Möglichkeiten der European Youth Work Agenda zu entwickeln. Wir haben gelernt, welche Fördermöglichkeiten es gibt und wie wir diese für unsere Region nutzen können. 

Der Austausch hat uns auch motiviert, an unseren Zielen festzuhalten und uns trotz der bestehenden Herausforderungen nicht entmutigen zu lassen.

Wie geht es nach dem Projekt weiter? Was sind eure nächsten geplanten Schritte?

Kristin Hüwel: Dem Projekt geht es bestens. Wir stehen kurz vor der zweiten selbst durchgeführten Konferenz zum Thema „Internationale Jugendarbeit für mobilitätsferne Jugendliche“. Die Kooperation mit unseren italienischen Partner*innen gedeiht prächtig und neue Fördermöglichkeiten und regionale Unterstützer sind akquiriert. 

Wir werden neben einer Kooperation mit der Gemeinde Laas in Südtirol und einem begleitenden Jugendaustausch im Sommer 2026 einen weiteren Jugendaustausch mit Irland durchführen. Für 2027 sind die Weichen zu einem trilateralen Austausch mit Irland/Österreich/Deutschland gelegt. Ein neuer Antrag zum Aufbau eines internationalen Jugendaustausches von Auszubildenden mit israelischen Auszubildenden befindet sich aktuell im ersten Korrekturdurchlauf. Ab 2028 streben wir die Erasmus+ Akkreditierung an.

Für den Landkreis Erding steht die Ampel der internationalen Jugendarbeit auf GRÜN.

Stephanie Feuffel / Tobias Albert: Nach dem Abschluss des Projekts möchten wir die internationale Jugendarbeit in unserer Region weiter ausbauen. Ein wichtiger nächster Schritt ist die Suche nach Partnern, sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene. Wir möchten gezielt nach Kommunen oder Organisationen suchen, die ähnliche Ziele verfolgen und mit denen wir langfristig zusammenarbeiten können.

Ein konkretes Ziel ist es, im Jahr 2027 einen Study Visit zu organisieren, um weitere internationale Erfahrungen zu sammeln und unser Netzwerk zu erweitern. Darüber hinaus planen wir, eine Small-Scale-Partnerschaft aufzubauen, um erste kleinere Projekte zu realisieren und so die Basis für eine nachhaltige internationale Zusammenarbeit zu schaffen.

Zusätzlich möchten wir weiterhin die Fortbildungsangebote von SALTO nutzen, um unser Wissen und unsere Kompetenzen in der internationalen Jugendarbeit zu erweitern. Diese Fortbildungen bieten uns die Möglichkeit, neue Ansätze kennenzulernen und uns mit anderen Fachkräften aus ganz Europa zu vernetzen.

Langfristig ist es unser Ziel, die internationale Jugendarbeit als festen Bestandteil unserer kommunalen Jugendarbeit zu etablieren und dabei sowohl die Jugendlichen als auch die lokalen Akteure aktiv einzubeziehen. Wir möchten eine Struktur schaffen, die es Jugendlichen ermöglicht, regelmäßig an internationalen Projekten teilzunehmen und so ihre interkulturellen sowie demokratischen Kompetenzen zu stärken.

Wir danken euch für das Gespräch.

(JUGEND für Europa)