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Jahrestreffen der ESK-Community in Bonn: Aktuelle Programmumsetzung und neue Programmgeneration stehen im Fokus

Vier Personen sitzen in einer Reihe nebeneinander und schauen zum linken Bildrand.
© Max Wegen

Im März kamen die Trägerorganisationen aus dem Europäischen Solidaritätskorps in Bonn zusammen, um sich über die aktuelle Programmumsetzung und die zukünftige Programmgeneration zu informieren und auszutauschen. Rund 80 Organisationen waren vertreten. Sie brachten ihr fundiertes Praxiswissen mit, zeigten großes Interesse an Austausch und Vernetzung und nahmen Herausforderungen gemeinsam in den Blick.

Aktuelle Programmumsetzung – Insgesamt hohe Nachfrage und budgetäre Auslastung 

Heike Zimmermann, Teamleitung im Europäischen Solidaritätskorps, gab zu Beginn des Jahrestreffens einen Überblick über die aktuelle Programmumsetzung und wesentliche Änderungen. Während es mit rund 14,6 Millionen Euro beim Budget in diesem Jahr nur eine eher kleine Steigerung gab und die Antragszahlen bei Freiwilligenprojekten stabil blieben, zeigen die Antragszahlen bei Solidaritätsprojekten und Quality Labels einen deutlichen Aufwärtstrend.  

In 2025 konnte trotz geringer Budgetsteigerungen ein deutlicher Anstieg von Teilnehmendenzahlen in verschiedenen Formaten verzeichnet werden, insbesondere bei den Freiwilligenteams und Kurzzeitdiensten. 

„Mit Blick auf das Budget sind wir froh, seit 2026 die Möglichkeit zu haben, Budget während der Projektlaufzeiten zwischen Organisationen umzuverteilen. So können wir unsere Mittel noch bedarfsgerechter verteilen“, so Zimmermann. 

Budgetbegrenzung – neue Herausforderung für etablierte Kooperationen und Netzwerke 

Für ESK-Organisationen, die in ihren Partnerschaften bislang einen Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit mit benachbarten Partnerländern legten, ist die 2026 eingeführte 25%-Budgetbegrenzung für die Aufnahme von Freiwilligen aus nicht assoziierten Drittländern eine enorme Herausforderung. Die über Jahre gewachsene Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft sei an verschiedenen Stellen nicht mehr möglich oder erheblich erschwert, stellten Organisationen im gemeinsamen Austausch fest. Auch für die Projektplanung sei die Entwicklung schwierig. 

„Wir müssen sehr genau schauen, wen wir aufnehmen können und wen wir ausschließen müssen“, bedauerte eine Organisationsvertreterin.  

Wirtschaftliche Situation in Europa hat Auswirkungen auf das ESK 

Die neue Regelung fällt in eine Zeit, in der die Bewerbungen aus Drittländern besonders hoch seien und die Bewerberzahlen aus EU-Mitgliedstaaten bei einigen Trägern spürbar zurückgingen, berichteten einige Organisationen. Verschiedene Träger beobachten zudem, dass die Ländervielfalt im ESK in ihren Projekten abgenommen habe. Für nordische Länder aber auch für Österreich und die Schweiz sei die Monatspauschale für Freiwillige wahrscheinlich zu gering und der Dienst nicht attraktiv genug, mutmaßte die Teilnehmerin einer Hosting Organisation. Ebenso wurde von vermehrten Abbrüchen von Teilnehmenden berichtet, die aus Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit kommen. 

„Sobald sie einen Job finden, sind sie weg. Das ist problematisch, weil ein Projektabbruch für die Organisation mit Kosten und Aufwand verbunden ist“, verdeutlichte eine Vertreterin aus dem Hosting.  

In dem Zusammenhang wurde innerhalb eines Workshops angeregt, mehr Wert auf ein gegenseitiges Erwartungsmanagement zwischen Freiwilligen und Organisationen zu legen, insbesondere in Pre-Departure Meetings. Ebenso könne es ein Versuch sein, vermehrt Projekte mit sechsmonatiger Laufzeit anzubieten, um sich damit besser an die heutige Lebensrealität junger Menschen anzupassen.  

Entsendungen – klare Aufgaben und angemessene Vergütung notwendig  

Im Austausch zwischen dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ), JUGEND für Europa und ESK-Organisationen wurde schnell deutlich: Das Thema Entsendungen ist groß und komplex.  

Insbesondere zwei zentrale Herausforderungen kristallisierten sich dabei heraus. Es gibt zum einen starke qualitative Unterschiedene bei der Vorbereitung von Teilnehmenden – von einem einzelnen kurzen Telefonat bis hin zu mehrmaligem persönlichen Kontakt mit Vorbereitungsseminaren. Zum anderen ist das Spektrum von jungen Menschen, die entsendet werden, sehr groß – von Teilnehmenden mit Lernschwierigkeiten bis zu jungen Menschen mit Doktortitel. Das wirkt sich auch auf unterschiedliche Bedarfe bei der Entsendung aus.  

Träger berichteten, dass die aktuelle Regelung, nach der Partnerorganisationen unter sich aushandeln müssen, wieviel Budget eine Entsendeorganisation aus der Pauschale für organisatorische Unterstützung eines Projektes erhält, eher schwierig ist. Dieser Mechanismus funktioniere in vielen Fällen nicht gut und der Aushandlungsprozess bedeute zusätzlichen zeitlichen Aufwand.  

 „Unsere Organisation leistet hochqualitative Arbeit für Entsendungen, finanziert das aber vollständig aus Eigenmitteln. Die Entsendeorganisation übernimmt eine sehr wichtige Aufgabe, gerade bei Teilnehmenden in inklusiven Projekten. Die Träger brauchen auch entsprechende Voraussetzungen, um die Programmpriorität Inklusion umzusetzen“, machte eine Projektkoordinatorin deutlich. 

Andere bekräftigten, dass eine Anwerbung in Schulen und die Umsetzung von Ausreisevorbereitung und Rückkehrseminaren oft ein Minusgeschäft sei.  

Neben einer angemessenen Vergütung sollte es einen verbindlichen Qualitätskatalog mit zeitlichen und inhaltlichen Vorgaben für die Vorbereitung von Freiwilligen geben, so ein Vorschlag aus den Reihen der Träger. Axel Stammberger vom BMBFSFJ bekräftigte, dass Entsendeorganisationen eine geregelte Finanzierung und klare Aufgaben bräuchten.  

Das ESK muss kostenfrei für junge Menschen sein   

Eine weitere Botschaft war Axel Stammberger ebenfalls besonders wichtig: 

„Das ESK muss für junge Menschen vollständig kostenlos sein.“  

Spenden von Teilnehmenden an ihre Entsendeorganisation seien problematisch, wenn sie nicht vollkommen freiwillig geleistet werden. Es sei nicht akzeptabel, dass junge Menschen dazu gebracht werden, Geld von ihrem Taschengeld an die Organisation zu zahlen.  

Hintergrund ist eine Umfrage des Jugendbeirats von JUGEND für Europa unter Rückkehrer*innen von Freiwilligendiensten in 2024, bei der Angaben im Zusammenhang mit Entsendeorganisationen aufgefallen sind. Laut der Umfrage unter ca. 200 ehemaligen Freiwilligen haben 21% von Zuzahlungen und Spendenkreisen berichtet. Dabei wurde nach Angaben des Ministeriums und JUGEND für Europa mit unterschiedlichen Methoden versucht, Gelder von Teilnehmenden einzuwerben, darunter z. B. Spenden oder eine Möblierungspauschale. Es ging um Summen zwischen 200,- bis 3600,- Euro. 

Axel Stammberger und Heike Zimmermann machten deutlich, dass sie die Lage weiterhin beobachten, Prozesse überprüfen und wenn nötig einschreiten werden. Zu den Konsequenzen können der Entzug des Qualitätssiegels oder der Programmausschluss gehören.  

Blick in die Zukunft: Das ESK ab 2028 

Das ESK wird ab 2028 nicht als eigenständiges Programm fortgeführt. Axel Stammberger gab bereits am ersten Tag bekannt, dass der Programmvorschlag aus dem letzten Jahr die Reintegration in das Programm Erasmus+ vorsieht.  

In diesem Zusammenhang verdeutlichte er die große Bedeutung und Wirksamkeit von Dialogveranstaltungen zwischen Ministerium, ESK-Community und JUGEND für Europa: 

„Wir konnten viele Interessen und Anregungen aus der deutschen Trägerlandschaft in die Programmverhandlungen mitnehmen. Aus unserer Sicht liefen die Verhandlungen durchaus erfolgreich. Ich möchte daher nochmal verdeutlichen, dass wir mit solchen Treffen etwas erreichen und wirklich etwas bewegen können.“  

Ebenso zeigte er sich zuversichtlich über die Gestaltungsmöglichkeiten im kommenden Programm: 

„Es geht uns durch die Zusammenführung der Programme nichts verloren. Es wird inhaltlich sogar mehr Möglichkeiten geben als jetzt, wir können da sehr zuversichtlich sein.“  

Mit Blick auf die aktuelle Programmumsetzung habe sich das ESK von Beginn an in einem engen budgetären Korsett befunden, sagte Manfred von Hebel, Leiter von JUGEND für Europa, am zweiten Tag des Jahrestreffens und zeigte sich hoffnungsvoll hinsichtlich der Mittelausstattung in der neuen Programmgeneration: 

„Budgetäre Entwicklungen waren im ESK bisher eher stagnierend, während das Budget bei Erasmus+ im Laufe der Jahre deutlich angestiegen ist. Wir hoffen, dass ein integriertes ESK-Programm zukünftig von der positiven Dynamik der Budgetentwicklung profitieren kann.“  

Während die Leitaktion 1 und Freiwilligenaktivitäten weitgehend bestehen bleiben sollen wie bisher, sind bei Formaten, in denen junge Menschen antragsberechtigt sind, Änderung zu erwarten. Solidaritätsprojekte aus dem ESK, Jugendpartizipationsprojekte aus Erasmus+ und der EU-Jugenddialog sollen einen eigenen Aktionsbereich „Jugendinitiativen“ bekommen. Der thematische Fokus und die Abgrenzung der Formate sollen weiterhin erhalten bleiben.  

Doppelte DNA des neuen Programmvorschlags: Kompetenzentwicklung und demokratische Teilhabe  

Zwei allgemeine Ziele sollen in der neuen Programmgeneration von Erasmus+ besonders zentral sein: der Erwerb von Fähigkeiten und Kompetenzen für eine starke Wirtschaft und die Stärkung der Demokratie durch Engagement, gemeinsame Werte, Solidarität und ein europäisches Zusammengehörigkeitsgefühl. Bisherige Programmevaluationen zeigen, dass die EU-Jugendprogramme hier bereits einen wichtigen Beitrag leisten.  

Globale Zusammenhänge prägen den neuen Programmvorschlag 

Manfred von Hebel hob mit Blick auf die politische Dimension des Programmvorschlags hervor, dass globale Zusammenhänge mehr als zuvor eine Rolle bei der Ausgestaltung der zukünftigen Programme spielen.  

Im Fokus des Vorschlags stehen die Bedrohung der Demokratie und unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die EU, die Mitgliedstaaten und die Gesellschaft werden darin aufgefordert, mit Hilfe der Programme Ansätze zur Bewältigung der Herausforderungen unserer Zeit zu finden und umzusetzen.  

Das Thema „Preparedness“ ist ein neuer Schwerpunkt in der nächsten Programmgeneration – Resilienz, Krisenvorsorge und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit rücken stärker in den Fokus.  

Preparedness-Strategie: Agieren statt reagieren 

Im Workshop „Be Prepared“ beleuchteten Alicia Holzschuh und Vanessa Rötzel von JUGEND für Europa die „Preparedness“-Strategie der EU-Kommission und ihre Hintergründe näher. 

„Es geht darum, Preparedness als eine Grundhaltung auf EU-Ebene zu etablieren. Mitgliedstaaten und Zivilgesellschaft sollen zukünftig besser auf Krisen vorbereitet sein, Risiken früh erkennen und agieren statt reagieren“, so Holzschuh, Fachreferentin Europäische Jugendpolitik und Jugendarbeit.  

Im Kleingruppenaustausch gingen ESK-Träger der Frage nach, welche Anknüpfungspunkte ihre Arbeit zum Thema Preparedness bietet. Im Ergebnis wurde auf das Potenzial von ESK-Projekten hingewiesen, die Problemlösungskompetenzen und die Verantwortungsübernahme von jungen Menschen zu stärken. Eine weitere Überlegung waren Resilienztrainings und eine noch stärkere Vermittlung von Werkzeugen für Partizipation in begleitenden Seminaren.  

Immer wertvoll: Rückmeldungen und Anregungen aus der Praxis  

Wie auch in vergangenen Jahren hat JUGEND für Europa beim Jahrestreffen eine große Fülle von Informationen, Anregungen, Hinweisen und Rückmeldungen aus der Projektpraxis eingesammelt und wird diesen wertvollen Input reflektieren und auf dieser Grundlage das Programm und seine Nachfolge weiterentwickeln.  

Heike Zimmermann zeigte sich zum Abschluss dankbar für die Beteilung, die Anregungen, das Teilen von Praxiserfahrung sowie die kritischen Rückmeldungen und hob die Bedeutung des gemeinsamen Austauschs hervor. 

„Wir leben in bewegenden Zeiten und hier hat sich sehr viel bewegt. Unsere Jahrestagung ist das Familientreffen im ESK. Kommen Sie gerne wieder, damit unser Netzwerk noch stärker zusammenwächst.“  

(JUGEND für Europa)