Ziel der Veranstaltung war es, ehrenamtlich Engagierte im Sport sowie Akteur*innen des Breitensports aus ganz Europa zusammen zu bringen, um gemeinsam zu erkunden, wie Erasmus+ das freiwillige Engagement in Sportvereinen und gemeinnützigen Organisationen stärken kann.
Inge Linne, Referentin im Team Eventmanagement und Miguel Jeandrée, Referent für Erasmus+ Sport bei JUGEND für Europa haben das Seminar vor Ort begleitet.
Wenn ihr auf die vergangenen Tage in Berlin zurückblickt: Was war für euch persönlich der prägendste Moment des Seminars?
Inge Linne: Organisatorisch war es der Moment, als die Gruppe zum ersten Mal komplett im Raum zusammen saß und wir die vier intensiven Monate der Vorbereitung Revue passieren lassen konnten. Fast alle involvierten NA Kolleg*innen waren da und wir konnten sofort mit der kooperativen Aufgabenteilung beginnen. Der Großteil der Teilnehmer*innen war angekommen, einige hatten noch in letzter Minute abgesagt.
Inhaltlich war es der Moment, als wieder die verschwindend geringe Sichtbarkeit von Mädchen, jungen Frauen im Sport deutlich wurde. Damit einher geht eine geringere finanzielle Förderung von Mädchen und jungen Frauen im Sport – außer in den Nordischen Ländern. Da Volunteering ebenfalls in den seltensten Fällen bezahlt wird, ist es jedoch auffällig, wie viele Menschen sich für eine Mitarbeit im bezahlten Sport interessieren und welche Geschlechter sich in den geringer bezahlten Sportarten/Tätigkeiten engagieren.
Im Deutschen Freiwilligensurvey von 2023 werden die geschlechtsspezifischen Unterschiede des Engagement Bereichs hervorgehoben. So engagieren sich in Deutschland deutlich mehr Männer im Sport, Frauen hingegen mehrheitlich in sozialen und pflegenden Tätigkeiten.
Miguel Jeandrée: Für uns startete der zweite Tag mit einer Tool fair, bei der die Teilnehmenden ihre eigene Organisation und den Sport vorstellen konnten. Ich war begeistert von der Vielfältigkeit und dem Enthusiasmus, mit dem die Akteur*innen sich und ihre Sportart präsentierten. Egal ob es Goalball, Hurling, Gaelic Football, Rugby, Orientierungslauf oder Eishockey war.
Mit welchen Erwartungen seid ihr in die Veranstaltung gestartet – und was hat euch am Ende besonders überrascht oder beeindruckt?
Inge Linne: Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, etwas empowerndes zu Gelingensbedingungen von Engagement im Sport zu erarbeiten. Die Auseinandersetzung ist uns in der Theorie annähernd gelungen, allerdings konnten wir nicht das allgemeine Rezept liefern, um Engagement zu fördern.
Eigentlich jede der anwesenden Personen war unglaublich mit der Sportart identifiziert und hat diese überzeugend vorgestellt und vertreten. Die Tool fair war ein gutes Mittel, um in den ersten vollen Tag einzusteigen, die interessierten Diskussionen wollten nicht enden.
Miguel Jeandrée: Da es meine erste Training and Cooperation activity (TCA)-Veranstaltung dieser Art war, wollte ich mich überraschen lassen und offen für alles sein. Da so viele verschiedene Nationen zusammenkamen, wollte ich natürlich auch viel über den Breitensport in anderen europäischen Ländern erfahren. Überrascht hat mich dabei, dass die Länder und Sportorganisationen trotz sehr unterschiedlicher Struktur immer ähnliche Probleme haben, wie zum Beispiel den Nachwuchs an Ehrenamtlichen.
Gab es Ideen, Projekte oder Good-Practice-Beispiele, die euch besonders inspiriert haben und die ihr gerne weiterentwickelt sehen würdet?
Inge Linne: Insgesamt wurden als Ergebnis 17 Projekte entwickelt, an denen die Teilnehmer*innen weiterarbeiten wollen. Einige davon sollen als zukünftige Projekte in Erasmus+ beantragt werden.
Es sind einige gute Ideen im Bereich Mental Health und Sport, Inclusion und Female Leadership im Sport angesprochen worden. Ganz besonders beeindruckt haben mich die jungen Frauen im Rugby, der empowernde Effekt hierin, auch was die Selbstverteidigung angeht.
Miguel Jeandrée: Für mich gab es nicht das “eine” Beispiel. Inspiriert haben mich die Teilnehmenden insgesamt, da sie aus ihren eigenen, unterschiedlichen Sportarten kamen und es versucht und geschafft haben, gemeinsame Ideen für Projekte zu finden, von denen alle profitieren können.
Welche Bedeutung haben internationale Begegnungen wie diese für die Weiterentwicklung von Sportvereinen und das ehrenamtliche Engagement in Europa?
Inge Linne: Sport kann hier als inspirierende Methode gesehen werden, sich auf einer physischen Ebene auszutauschen, ohne viele erklärende Worte. Die Wahrnehmung einer Person, die sich ihres Körpers bewusst ist und diese mit ihren kognitiven Wahrnehmungen in Einklang bringt, kann ein Weg sein, europäischen Austausch in Erasmus+ zu fördern. Ein Großteil des eingebrachten Engagements im Sport findet ehrenamtlich und unbezahlt statt. Gegenseitiger thematischer europäischer Austausch kann einen Sportverein inhaltlich wachsen lassen und auf interkultureller Ebene öffnen.
Miguel Jeandrée: Als meist kleiner Breitensportverein hat man häufig eine enge Brille auf und kriegt nicht mit, welche anderen Ansätze es im Bereich des ehrenamtlichen Engagements gibt. Bei einer solchen Veranstaltung als Plattform weitet sich der Horizont sehr stark und die Vereine kriegen sehr viele Ideen und Anregungen, die sie auf die eigene Organisation projezieren können.
Welche Chancen bietet Erasmus+ aus eurer Sicht, um Freiwilligenarbeit und Ehrenamt im Sport langfristig zu stärken?
Inge Linne: Wie schon gesagt, bietet Erasmus + durch seine Prioritäten und Ausrichtung im nicht formalen Sektor viele Möglichkeiten, um sich inhaltlich weiterzubilden und sich gemeinsam für die möglichen Formate zu bewerben. Gerade für Projekte im Bereich Inclusion und fairer Sport wie z.B. Streetfootball oder Rugby sollten mehr Fördermittel zur Verfügung stehen.
Wenn ihr die Atmosphäre, die Energie und den Spirit dieser Veranstaltung in wenigen Worten beschreiben müsstet: Wie würden diese lauten?
Inge Linne: Es war warm, offen, herzlich und bewegend und hat großen Spaß gemacht.
Miguel Jeandrée: Engagiert. Euphorisch. Ideenreich. Kommunikativ. Visionär.