Etwa ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Europa sind von Armut bedroht. Armut führt zu Ausgrenzung, Verzicht und fehlender Teilhabe in fast allen gesellschaftlichen Bereichen. Häufig geht Armut mit Scham einher.
„Ein Leben in Armut bedeutet ein ‚Leben in der Dauerkrise'.“
So bringt es Dr. Irina Volf, Direktorin des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. in Frankfurt am Main, in ihrem Impulsvortrag auf dem Fachtag „Jugendarmut – Potenziale und Herausforderungen der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit" auf den Punkt.
Etwa 40 Teilnehmer*innen aus der Jugend- und Jugendsozialarbeit, aus Ministerien, Jugendämtern und Hochschulen, sind zum Fachtag nach Bonn angereist, um sich darüber auszutauschen, wie internationale und europäische Jugendarbeit sich für junge Menschen in herausfordernden Lebenslagen öffnen und ihren Lebensweg positiv beeinflussen kann.
Wie europäische Jugendarbeit Leben verändert
Armut, so macht Volf weiter deutlich, sei kein individuelles, sondern ein strukturelles, gesellschaftliches Problem. Aber die Teilnahme an internationalen Jugendprojekten kann bei den Einzelnen ansetzen und enorme Wirkung auf junge Menschen haben.
„Während des Austauschs machen die jungen Leute zum ersten Mal die Erfahrung, dass es egal ist, woher sie kommen oder wie viel Geld sie haben. Sie werden so angenommen, wie sie sind."
Das berichtet Manuela Demel vom Jugendhilfeträger pewobe gGmbH in Frankfurt an der Oder auf dem Panel des Fachtags. Und auch Bruno Batista von den Eco-Estilistas in Lissabon berichtet aus langjährigen Erfahrungen:
„Der Jugendaustausch gibt ihnen ihre Würde zurück. […] Diese Erfahrung hat Auswirkungen auf ihr Leben zu Hause, sie sind selbstbewusster."
Wie stark diese Auswirkungen sein können, erzählt Dominka Göghová vom Stadteilzentrum Ulita in Bratislava. Sie und ihre Kolleg*innen arbeiten ein Jahr lang mit den jungen Leuten im Viertel auf eine Jugendbegegnung hin. Und die Aussicht, dabei sein zu können, hält die Jugendlichen davon ab, auf die schiefe Bahn zu geraten. Vielmehr verfestigt sich durch dieses besondere gemeinsame Projekt das Vertrauensverhältnis zwischen den Jugendarbeiter*innen und den Jugendlichen. Und wenn diese zurückkommen, sind sie häufig motiviert, sich für die lokale Gemeinschaft und ihre Peers zu engagieren.
„Zwei ehemalige Teilnehmerinnen hat es sogar so gepackt, dass sie jetzt selbst soziale Arbeit studieren. Hier, wo viele nicht einmal die Schule abschließen."
Wie die Erzählungen der Panelist*innen zeigen, bieten europäische und internationale Begegnungen, Freiwilligendienste und weitere internationale Bildungsangebote tatsächlich ein hohes Potenzial für die Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung Jugendlicher und junger Erwachsener. Auch Studien untermalen diese Erkenntnisse aus der Praxis (ein paar Beispiele haben wir unten für Sie verlinkt).
Gleichzeitig profitieren die Fachkräfte vom Austausch mit ihren Kolleg*innen im Ausland und nehmen neue Perspektiven und Methoden für die eigene Arbeit vor Ort mit, berichteten die Expert*innen aus der Praxis.
Herausforderungen und Gelingensbedingungen für echte Teilhabe
Dem großen Potenzial stehen jedoch auch Herausforderungen gegenüber: Knappe Ressourcen in der Kinder- und Jugendhilfe, unzureichende Förderung, z. B. von intensiver Vor- und Nachbereitung internationaler Projekte, und mangelndes Wissen bei Fachkräften über die Lebenslagen junger Menschen, die in Armut aufwachsen, sind nur einige davon.
Projekte müssen diese besonderen Lebenslagen berücksichtigen, um ihre Teilhabe zu ermöglichen. Denn häufig geht es für sie erst einmal darum, die eigenen Lebensgrundlagen und die der Familie zu sichern, durch Mithilfe bei Care-Aufgaben, Hausarbeit und einen eigenen Job. Auch bedarf es häufig der Unterstützung von Jobcentern oder Sozialämtern, die den Wert einer Projektteilnahme anerkennen müssen.
Es braucht, da sind sich die Teilnehmenden des Fachtags einig, eine größere Armutssensibilität und einen Perspektivwechsel bei Fachkräften, Entscheidungsträger*innen, Arbeitsvermittler*innen und bei der Projektbegutachtung – weg vom Stigma Armut hin zum Potenzial einer Projektteilnahme für die Jugendlichen.
Um überhaupt den Zugang zu Projekten der europäischen Jugendarbeit zu finden, brauchen junge Menschen Vertrauenspersonen aus dem lokalen Umfeld – auch Peers, die sie auf dem Weg unterstützen und bestärken. Und Organisationen benötigen gute und stabile Netzwerke im lokalen Umfeld und auf internationaler Ebene.
Wie geht es weiter?
Mit dem Fachtag können JUGEND für Europa und IJAB Impulse für eine armutssensible europäische und internationale Jugendarbeit setzen. Mit der AG Inklusion & Vielfalt des Programmbeirats für Erasmus+ Jugend und das Europäische Solidaritätskorps hat JUGEND für Europa das Thema am 20. März noch einmal aufgegriffen und vertieft.
Jetzt gilt es, dranzubleiben und die Impulse aus dem Fachtag weiterzuentwickeln:
- Aktuell steht auf dem Online-Tool „Padlet“ eine große digitale Materialsammlung zum Thema zur Verfügung: Fachtag Jugendarmut Ressourcen
- JUGEND für Europa und IJAB möchten Handreichungen zur Sensibilisierung für das Thema erarbeiten, die auch als Argumentationsgrundlage gegenüber Sozialleistungsträgern wie Jobcentern dienen können. Hierfür wurden auf dem Fachtag Argumente zusammengetragen.
- JUGEND für Europa wird sich in relevanten europäischen Gremien für adäquate Fördermechanismen in Erasmus+ und dem Europäischen Solidaritätskorps einsetzen.
- Weitere Formate, in denen das Thema erneut aufgegriffen und vertieft wird, sind angedacht.
Weiterlesen:
Forschungsergebnisse zum EU-Programm Youth in Action: SALTO-YOUTH - How Mobility affects Inclusion Groups (englischsprachig)
Forschungsbericht zum ESF+ Programm ALMA: ALMA Works: Strong Evidence of Impact on Youth Inclusion, Skills, and Employability - SI+
(JUGEND für Europa)