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"Europa ist ein Lebensthema" – Manfred von Hebel und Barbara Schmidt dos Santos über ihre neue gemeinsame Leitung von JUGEND für Europa

Barbara Schmidt dos Santos und Manfred von Hebel
© JUGEND für Europa

Europa begleitet beide seit vielen Jahren – nun gestalten Manfred von Hebel und Barbara Schmidt dos Santos als gemeinsame Geschäftsleitung die Zukunft von JUGEND für Europa. Im Interview sprechen sie über Co-Leadership, ihre Vision für Erasmus+ und die europäische Jugendarbeit sowie über die Verantwortung einer Nationalen Agentur.

Liebe Barbara, lieber Manfred. Für alle, die euch noch nicht kennen, stellt euch doch bitte einmal kurz vor. 

Barbara Schmidt dos Santos: Europa begleitet mich eigentlich schon seit meiner Jugend. Damals war ich selbst in der europäischen Jugendarbeit aktiv und habe erlebt, wie prägend internationale Begegnungen und europäische Zusammenarbeit sein können. Dieses Interesse hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. 

Während des Studiums in European Studies und darüber hinaus haben mich Auslandsaufenthalte und die Arbeit in internationalen Kontexten immer wieder darin bestärkt, mich für ein offenes, demokratisches und solidarisches Europa einzusetzen. Auch beruflich habe ich früh mit europäischen Förderprogrammen gearbeitet. 

Seit 2009 arbeite ich bei JUGEND für Europa. Hier bin ich als Programmreferentin gestartet und habe in den vergangenen Jahren verschiedene Aufgaben übernommen, zuletzt die Leitung unseres Bereichs Strategien und Projekte. Heute freue ich mich, meine gesammelten Erfahrungen in meiner neuen Rolle als Co-Geschäftsleiterin einzubringen. 

Manfred von Hebel: Europa ist, ähnlich wie bei Barbara, ein Lebensthema. Ich habe in meiner beruflichen Entwicklung immer in einem internationalen und europäischen Kontakt gearbeitet und habe ebenfalls Wurzeln in der Jugendarbeit. Ich habe Erziehungswissenschaften in Hannover studiert und im Anschluss ein transnationales ESF-Projekt im Bereich der Jugendsozialarbeit in Niedersachsen koordiniert.

Ich habe sechs Jahre in Brüssel gelebt und dort für den Deutschen Caritasverband und als Nationaler Experte in der Generaldirektion für Bildung und Kultur der Europäische Kommission gearbeitet.

Seit 2009 bin ich in der Nationalen Agentur beschäftigt, u.a. in der Koordination der Programme, als stellvertretender Leiter und seit April 2026 als Leiter der Agentur.

Ihr seid beide schon lange mit der Agentur verbunden. Was macht die Arbeit bei JUGEND für Europa so besonders? 

Barbara: Was die Arbeit bei JUGEND für Europa besonders macht, lässt sich auf drei Ebenen beschreiben. 

Da ist zunächst die gesellschaftliche Ebene: Mit unserer Arbeit leisten wir einen Beitrag zu Demokratie, gesellschaftlichem Zusammenhalt und der europäischen Integration. Gerade in der heutigen Zeit ist das eine Aufgabe, die ich als sehr sinnvoll und motivierend empfinde. 

Manfred: Dann gibt es die Ebene der konkreten Wirkung unserer Arbeit durch die Umsetzung der europäischen Förderprogramme. Über diese Programme ermöglichen wir jungen Menschen, Fachkräften und Organisationen vielfältige Lernerfahrungen sowie konkrete Mobilitäts- und Austauschmöglichkeiten in den Bereichen Jugend, Engagement und Sport. 

Schließlich ist da die Zusammenarbeit bei uns in der Geschäftsstelle. Die Programmumsetzung kann nur gelingen, weil hier Kolleg*innen mit großer Kompetenz, viel Engagement und einem hohen Anspruch an die Qualität ihrer Arbeit zusammenarbeiten.

Barbara: Das i-Tüpfelchen meiner Arbeit ist für mich darüber hinaus schon immer die enge Zusammenarbeit mit unseren europäischen und nationalen Partner*innen. Ich bin überzeugt, dass der europäische Austausch und das gemeinsame Arbeiten auf Augenhöhe entscheidend sind, um die Programme wirksam umzusetzen und die Weiterentwicklung von Jugendarbeit zu gestalten. 

Ihr übernehmt nun gemeinsam die Leitung der Nationalen Agentur. Dahinter steht ein neues Leitungsverständnis.

Manfred: Ja, für uns beide ist dies momentan eine sehr spannende Phase. Eine Doppelspitze in der Geschäftsleitung gibt es bei JUGEND für Europa zum ersten Mal. Wir freuen uns darauf, dieses Modell gemeinsam mit Leben zu füllen. 

Wie ergänzen sich eure Perspektiven und Erfahrungen in der gemeinsamen Leitung – und wo profitiert ihr am meisten voneinander?  

Manfred: Wir sehen in diesem Modell große Chancen: Zwei Perspektiven führen oft zu fundierteren, tragfähigeren und zukunftsorientierten Entscheidungen. Gleichzeitig lebt Co-Leadership davon, dass man offen miteinander diskutiert, voneinander lernt und bereit ist, die eigene Zusammenarbeit kontinuierlich weiterzuentwickeln. Genau das verstehen wir als gemeinsamen Lernprozess. 

Wichtig ist uns aber auch, Zuständigkeiten klar aufzuteilen und uns gleichzeitig bei den zentralen strategischen oder herausfordernden Fragen eng abzustimmen. So können wir unterschiedliche Erfahrungen und Stärken einbringen und dennoch nach innen und außen mit einer gemeinsamen Haltung auftreten. 

Barbara: Dabei verstehen wir uns nicht nur als Doppelspitze, sondern als Teil eines starken Leitungsteams. Wir möchten interne Beteiligungsmöglichkeiten bewusst stärken und unsere JfE-Kolleg*innen bei wichtigen Fragen und Entwicklungen einbeziehen. Wenn unterschiedliche Perspektiven gehört werden, können gute Lösungen entstehen. 

2028 beginnt eine neue Programmgeneration von Erasmus+. Die Diskussion darüber, wie das Programm ausgestaltet wird, wird euch sicherlich in den nächsten anderthalb Jahren beschäftigen. Welche Erwartungen habt ihr an das neue Programm?

Barbara: Die neue Programmgeneration wird in einer herausfordernden Zeit verhandelt: In vielen europäischen Ländern stehen Zivilgesellschaft, Demokratie und internationale Jugendarbeit zunehmend unter Druck. Gleichzeitig sehen sich viele Träger der Jugendarbeit, des Engagements und des Sports mit schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen konfrontiert.

Für mich ist es deshalb besonders wichtig, dass Erasmus+ auch künftig ein Programm bleibt, das für ein offenes, demokratisches und solidarisches Europa steht. Ich wünsche mir, dass Themen wie Demokratie, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Beteiligung und Inklusion weiterhin eine zentrale Rolle spielen. 

Gerade junge Menschen brauchen Möglichkeiten, Demokratie selbst zu erleben, Verantwortung zu übernehmen und Europa aktiv mitzugestalten. Erasmus+ kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten – nicht nur durch die Förderung einzelner Projekte, sondern auch durch die Stärkung der Organisationen und Strukturen, die dieses Engagement dauerhaft unterstützen. 

Wie kann dies gelingen? 

Manfred: Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass das Programm finanziell gut ausgestattet wird. Die Herausforderungen, vor denen Europa steht, lassen sich nicht mit weniger, sondern nur mit mehr Investitionen in Bildung, Jugendarbeit, Engagement und internationale Zusammenarbeit bewältigen.  

Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich die Zugänglichkeit des Programms. Erasmus+ hat den Anspruch, möglichst viele junge Menschen zu erreichen, unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen. Diesem Ziel können wir noch näherkommen, indem wir Barrieren weiter abbauen und die Teilnahme für Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten einfacher machen.

Wenn es gelingt, noch mehr jungen Menschen und Fachkräften den Zugang zu europäischen Erfahrungen zu eröffnen, stärkt das nicht nur ihre individuelle persönliche Entwicklung, sondern auch den europäischen Zusammenhalt insgesamt. 

Ein EU-Programm umzusetzen, bedeutet für eine Nationale Agentur wie JUGEND für Europa viel administrative Anstrengung. Habt ihr ein paar Zahlen oder Beispiele, die diese administrative Aufgabe verdeutlichen? 

Barbara: Die administrative Umsetzung der Programme ist eine unserer Kernaufgaben. Die Dimension dieser Arbeit wird bei einem Blick auf die Zahlen deutlich: Allein 2025 wurden in Erasmus+ Jugend 1.802 Projektanträge gestellt, im Europäischen Solidaritätskorps 363 und im Bereich Erasmus+ Sport 62.  

Insgesamt haben wir im letzten Jahr 58 Millionen Euro Fördermitteln verwaltet und damit die Teilnahme von über 42.000 Personen an den Programmen ermöglicht. Eine gute Administration der Programme ist daher unerlässlich dafür, dass die finanzielle Förderung tatsächlich bei den Fachkräften, jungen Menschen und Organisationen ankommt.

JUGEND für Europa hat gleichzeitig den Auftrag, die Programmumsetzung inhaltlich mitzugestalten – gemeinsam mit den Projektträgern und Stakeholdern. Wohin sollte sich europäische Jugendarbeit bis 2030 entwickeln?  

Manfred: Wie Barbara es vorhin schon gesagt hat: Internationale und europäische Jugendarbeit hat es schwer im Jahr 2026 – finanziell, strukturell und auch gesellschaftlich. Gleichzeitig wächst die Komplexität der Herausforderungen, vor denen junge Menschen stehen: Unsicherheiten, gesellschaftliche Polarisierung, globale Krisen und beschleunigte Veränderungsprozesse. 

Gerade in diesem Kontext erfüllt (europäische) Jugendarbeit eine zentrale Funktion. Sie schafft Räume, in denen junge Menschen sich ausprobieren, Beteiligung erleben und demokratische Erfahrungen machen können. Damit ist sie ein wichtiger Faktor für ein gelingendes Aufwachsen und zugleich ein wesentlicher Beitrag zur europäischen Verständigung und Integration. 

Bis 2030 wird es darauf ankommen, dass die europäische Jugendarbeit vor dem Hintergrund der Herausforderungen ihre Stärken weiter einbringen kann. Gleichzeitig muss sie immer offen für Veränderungen bleiben. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie schnell sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen wandeln können und wie wichtig es dann ist, flexibel zu reagieren und neue Wege zu finden. 

Barbara: Wir wünschen uns daher, dass europäische Jugendarbeit politisch einen hohen Stellenwert behält und als unverzichtbarer Bestandteil einer demokratischen und solidarischen europäischen Gesellschaft verstanden und entsprechend gestärkt wird. 

Dafür möchten wir auch künftig unseren Beitrag leisten: Wir beraten Fachkräfte, junge Menschen und Organisationen zu den europäischen Förderprogrammen und begleiten sie dabei, ihre Projektideen erfolgreich umzusetzen. Gleichzeitig möchten wir mit unseren Veranstaltungen weiterhin Räume schaffen für Vernetzung und Austausch im Arbeitsfeld.

Nun wart ihr beide bereits 2014 dabei, als das “kleine” europäische Jugendprogramm JUGEND IN AKTION Teil des “großen” EU-Programms Erasmus+ wurde. Seitdem haben sich Dinge rasant verändert. Aber mal anders gefragt: Was ist in all den Jahren denn gleichgeblieben? 

Barbara: Es hat sich tatsächlich unglaublich viel verändert. Die Programme sind gewachsen, die Themen vielfältiger geworden und auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich gewandelt. Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf das, was geblieben ist. 

Für mich ist das vor allem das außergewöhnliche Engagement der Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten: Bei unseren Projektträgern, im Feld der europäischen Jugendarbeit und Jugendpolitik sowie im Netzwerk der Nationalen Agenturen.

Mich beeindruckt immer wieder, mit wie viel Einsatz, Kreativität und Überzeugung sich unsere Kolleg*innen in Deutschland und Europa für junge Menschen einsetzen und europäische Werte mit Leben füllen. Dieses gemeinsame Engagement ist für mich bis heute der Kern unserer Arbeit. 

Manfred: Gleich geblieben ist für mich auch der besondere Spirit bei JUGEND für Europa. Wir sind seit 2014 deutlich gewachsen. Trotzdem erlebe ich nach wie vor eine Kultur des offenen Austauschs, der konstruktiven Diskussion und des gemeinsamen Gestaltungswillens hier bei uns in der Geschäftsstelle.

Uns verbindet das Interesse an gesellschaftlichen Entwicklungen und der Anspruch, unsere Programme zusammen mit dem Arbeitsfeld kontinuierlich weiterzuentwickeln, damit sie für junge Menschen einen möglichst großen Unterschied machen. 

Barbara: Und schließlich sind auch die Wirkungen der einzelnen Projekte etwas, das sich für mich nicht verändert hat. 

Ich bin – wie schon zu Beginn meiner Laufbahn bei JUGEND für Europa – immer wieder fasziniert und beeindruckt davon, was in den konkreten Projekten entsteht und welche beeindruckenden Beispiele die Projektträger für und mit jungen Menschen umsetzen. 

Seit einigen Jahren ist JUGEND für Europa auch die Umsetzung des Sportbereichs von Erasmus+ in Deutschland zuständig. Welche Erfahrungen macht ihr in diesem Bereich? 

Manfred: Den Sportbereich in Erasmus+ zu entwickeln und für Träger und Einrichtungen in Deutschland zugänglich zu machen, ist eine tolle Aufgabe und gleichzeitig eine große Herausforderung. Für uns ist es spannend, ein neues Handlungsfeld zu erschließen und das Programm bekannt zu machen.

Der Sport in Deutschland hat sehr komplexe und vielfältige Strukturen. Es ist schön, zu sehen, welche Bereiche das Programm erreicht und wie sich Projekte und Ideen entwickeln und verstetigen.

Wir haben auch damit begonnen, die Zusammenarbeit der Nationalen Agenturen im Sportbereich aufzubauen und zu stärken. Da wir für die kommenden Programmgeneration von Erasmus+ ab 2028 eine Steigerung der Mittel sowie eine Ausweitung der Formate im Sportbereich erwarten, ist die europäische Zusammenarbeit für uns eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung des Programms.

Liebe Barbara, lieber Manfred, wir bedanken uns ganz herzlich für dieses Gespräch!