09.06.2021

"Keine Angst vor Planänderungen haben"

Gruppe der Teilnehmenden aus der Vogelperspektive

Der Berliner Verein Copernicus e.V. führt eine Jugendbegegnung und zwei Trainingskurse in Armenien durch – die ersten Austausche nach langen Pandemiemonaten. Was es neben einer guten Planung und einem motivierten Netzwerk vor allem braucht, erzählt Projektleiter Davit Budaghyan im Interview mit JUGEND für Europa.

JUGEND für Europa: Herr Budaghyan, einen Austausch in Corona-Zeiten zu organisieren ist schon viel Aufwand – bei Ihnen finden in dieser Woche in der armenischen Hauptstadt Jerewan gleich drei Maßnahmen parallel statt. Wie kam es dazu?

Davit Budaghyan: Wir sind bei Copernicus Berlin e.V. ein engagiertes Team mit großen Ambitionen. Auch in diesen herausfordernden Zeiten wollten wir sicherstellen, dass qualitativ hochwertige Austausche stattfinden. Wir haben in den letzten Monaten immer wieder die Inzidenzwerte, Ausgangslage und Einreiseformalitäten in den Ländern beobachtet und uns dann vor circa einem Monat für Armenien entschieden. Dort sind die Corona-Zahlen gering und die Regierung hat erfolgreiche Maßnahmen implementiert. Die Idee ist, die physischen Austausche wieder in Gang zu bringen und von den Erfahrungen mit den drei Maßnahmen für weitere zu lernen.

Es finden eine Jugendbegegnung und zwei Trainings-Kurse statt – haben auch die Themen der Maßnahmen eine Rolle bei der Wahl des Landes gespielt?

Ja, Armenien hat für die Themen, "Empowering Entrepreneurship" und auch Frauen im Business-Sektor sehr gut gepasst. Die Regierung und lokale Akteure versuchen günstige Rahmenbedingungen zu schaffen, um innovatives Unternehmertum zu fördern. Das Land ist insgesamt noch recht unbekannt, macht sich aber seit 2016 zu einer Art Hub für innovatives Unternehmen. Das kennenzulernen und zu hinterfragen, durch welche Rahmenbedingungen das gelungen ist, ist eine tolle Gelegenheit für junge Menschen. Wir werden Gründer und CEOs von erfolgreichen Start-Ups und Unternehmen treffen und befragen, zum Beispiel auch den Gründer der PicsArt-Foto-App.

Gilt das auch für den Trainingskurs zu "Women in Business", dass Armenien voran geht bei dem Thema?

Podiumsdiskussion auf der Konferenz "Educating&Bridging"Seit 2018 versucht die neue Regierung die Frauenquote zu erhöhen, auch legislativ – aber es geht nicht unbedingt um ein Best-Pratice-Beispiel, sondern eher um den Versuch. Armenien und auch seine Nachbarländer sind recht bekannt dafür, dass Frauen viele Jahre lang eher Hausfrauen waren. Wie dies jetzt neu ausgehandelt wird, über Gesetze, aber auch ein verändertes Mindset, das werden wir Frauen fragen, die ihre eigenen Unternehmen aufgebaut haben und auf welche Herausforderungen sie dabei gestoßen sind. Überraschenderweise haben wir es geschafft, eine Balance bei den Geschlechtern unter den Teilnehmenden hinzubekommen – das freut mich besonders.

Und wie werden die Austausche praktisch klappen unter Corona-Bedingungen – immerhin kommen pro Maßnahme über 30 Teilnehmende aus je acht Ländern?

Als mittlerweile 21 Jahre tätiger Verein haben wir ein breites Netzwerk an lokalen Partnern und Alumni unserer Stipendien- und Praktikumsprogramme, das hat uns sehr stark geholfen. Sie alle haben wir in die Planung mit involviert, zum Beispiel bei der Suche eines Hotels in Jerewan, das die Kriterien erfüllt. Copernicus Jerewan hat, weil das Budget natürlich sehr begrenzt ist, bei den Verhandlungen vor Ort unterstützt. So haben wir ein 4-Sterne-Hotel gefunden, das einen starken Fokus auf die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln legt. Es gibt zum Beispiel unterschiedlichste Desinfektionsmittel, Handtücher und Bettwäsche werden ständig gewechselt, es gibt spezielle Lüftungsanlagen und die Teilnehmer konnten überwiegend in Einzelzimmern untergebracht werden. Auch hat jede Projektgruppe einen eigenen großen Konferenzraum.

Auf was mussten Sie noch achten an speziellen Corona-Maßnahmen vor Ort?

Alle Teilnehmenden mussten vor der Abreise einen PCR-Test machen und können nur mit einem Negativ-Ergebnis einreisen – den können sie aber auch direkt nach der Landung in Armenien am Flughafen machen. Dort gibt es zwölf unterschiedliche Firmen und das Ergebnis gibt es 24 Stunden später. Bis es vorliegt, müssen die Teilnehmenden in ihren Zimmern im Hotel bleiben.

Das ist schon sehr viel mehr organisatorischer Aufwand als unter normalen Bedingungen. Warum haben Sie sich trotzdem dafür entschieden?

In den Lockdowns haben wir festgestellt, dass zwar alles auch irgendwie online geht, die Qualität von persönlichen Begegnungen aber nicht zu ersetzen ist. Wir haben die Zeit genutzt, uns im Bereich Risikomanagement weiterzubilden und Vorbereitungen getroffen. Für uns hat das Ermöglichen von Austauschen vor allem etwas mit dem Mindset zu tun: Wenn man sagt, es ist unmöglich und schwierig, physische Austausche zu machen, dann schafft man es auch nicht. Klar hatten wir viele Diskussionen im Team und es muss sehr viel kommuniziert werden mit den Partnern, den Nationalen Agenturen und auch den Teilnehmenden – aber das wichtigste ist, keine Angst vor Planänderungen zu haben und sich anpassen zu können.

Es braucht aus Ihrer Sicht also vor allem Mut und kreative Lösungen momentan?

Ja, wir konnten mit unseren Begegnungen sogar das Interesse der armenischen Politik wecken, die uns zum Beispiel bei der Organisation von Stadtführungen unterstützen. Auch hat uns der Bildungsminister bei der Eröffnung besucht. Wir können auch auf die Unterstützung der staatlichen Wirtschaftsuniversität zählen, die uns bei der Durchführung mit 20 Freiwilligen unterstützen und Ansprechpartner für die Teilnehmenden sind.

Und was die Kreativität angeht: Die Universität hat uns für unsere Interkulturelle Nacht ihre Sporthalle zu Verfügung gestellt. Die ist so groß wie ein Fußballstadion, sodass wir fünf Meter große Kreise ziehen werden, damit sich jeder darin bewegen kann. Auf einem Bildschirm wird die Kultur präsentiert und es wird Essen geben aus allen Ländern. Die Idee ist, dass man sich von Kreis zu Kreis weiterbewegt – und nachher kann auch getanzt werden.

Sind Sie schon gespannt, ob das in der Praxis auch so klappen wird, dass niemand seinen Bereich verlässt?

(lacht) Ja, das wird spannend, aber es wird schon klappen! Es gibt nämlich auf eine spielerische Art und Weise Strafen, wenn das passiert: Dann muss zum Beispiel etwas gesungen oder vorgeführt werden.

Wie genau haben Sie Ihr Netzwerk aktiv gehalten im vergangenen Jahr?

Vor allem durch digitale Tools kommuniziert mit unseren Alumni-Gruppen und anderen Organisationen. Wir haben digitale Seminare und Workshops organisiert und uns immer wieder ausgetauscht – Zoom, Skype und WhatsApp waren unsere engen Begleiter in dieser Zeit. Im Verlauf der Pandemie und mit jedem Tag, den die Jugendliche weiter zuhause verbringen mussten, haben wir gemerkt, wie begeistert sie, aber auch die Jugendarbeiter und unsere Partner waren, endlich mal wieder eine physische Begegnung stattfinden zu lassen und keine digitale – wir haben einige angesteckt mit unserem Mut.

Also hatten Sie auch keine Probleme Teilnehmende zu finden?

Die Teilnehmerliste war innerhalb von fünf bis sieben Tagen voll. Ich denke, man muss sich klarmachen, dass es keine absolute Sicherheit gibt: Es gib immer Dinge, die man nicht planen kann. Wir sind wach und vorbereitet auf alle Szenarien, die eintreten können, haben vielfältige Unterstützung vor Ort und alle sind mit einer Reihe von Telefonnummern ausgestattet, sodass wir für jedes Problem eine Lösung finden werden.

Im vergangenen Jahr wurde Copernicus Berlin vom Berliner Senat für die Auszeichnung mit dem Blauen Bären der Stadt nominiert – hat das dem Team weiteren Rückenwind gegeben?

Wir haben uns sehr gefreut, dass wir schon das zweite Mal in Folge nominiert wurden, das ist eine zusätzliche Motivation für uns! Aber die wichtigste Motivation bleibt, junge Menschen wieder mobil zu machen!

(Das Interview führte Lisa Brüßler im Auftrag von JUGEND für Europa. / Fotos: Copernicus Berlin e.V.)

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Weiterführende Informationen

Link: Mehr zur Arbeit des Vereins Copernicus Berlin e.V. erfahren Sie unter: www.copernicusberlin.de/.

Link: Die Maßnahmen wurden gefördert über die Leitaktion 1 des EU-Programms Erasmus+ Jugend. Mehr zu den Fördermöglichkeiten erfahren sie auf unserer Programmseite: www.erasmusplus-jugend.de.