30.10.2019

comeback 2019 ESK - Europäische Freiwillige "Mehr über sich selbst lernen"

comeback 2019 ESK - Das Bild ist eine Collage aus vier Porträtbildern der Europäischen Freiwilligen Lena, Paula, Rouven und Simone. Im Hintergrund sieht man das Gebäude des KulturBahnhof Kassel von innen und außen.Egal ob zwei oder zwölf Monate – ein Freiwilligendienst im Ausland verändert die Sicht auf die Welt, Europa und auch sich selbst grundlegend. Vier Freiwillige im Europäischen Solidaritätskorps (ESK) erzählen davon, welche Erfahrungen sie in ihren Gastländern gemacht haben. Den Anfang machen Paula Gehrs (19), die ein Jahr in Ungarn mit Jugendlichen arbeitete, und Lena Bauch (22). Sie kümmerte sich im Südwesten Englands um eine ganz andere Spezies. Während Simone Delanoff (19) den Freiwilligendienst und das Leben in einem anderen europäischen Land erstmal kennenlernen wollte, hatte Rouven Lipps (29) schon eine konkrete Vorstellung davon, was ihn in Spanien erwartete.

Paula Gehrs (19) war für ein Jahr in der ungarischen Organisation „ Fekete Sereg Ifjúsági Egyesület

comeback 2019 ESK - Die Europäische Freiwillige Paula vor dem KulturBahnhof Kassel

Dass es für Paula Gehrs nach Ungarn ging, war mehr oder weniger Zufall. Direkt nach dem Abi studieren wollte die damals 17-Jährige nicht. Beim Aufräumen fand sie dann einen Flyer für einen Dienst im Europäischen Solidaritätskorps (ESK): „Das klang spannend und war vor allem nicht teuer“, sagt sie. Damals überlegte sie, Lehrerin zu werden. „Ich habe also nach einem Projekt gesucht, in dem ich austesten konnte, ob das was für die Zukunft wäre“. Das Einsatzland war dabei eher zweitrangig. Von ihrem Heimatdorf in der Nähe von Hildesheim ging es dann, nur kurze Zeit später, in das über 980 Kilometer entfernte ungarische Dorf Nagvázsony in der Nähe des Balatons – und: in eine ganz andere Realität.

Ihre Aufnahmeeinrichtung wurde das Jugendzentrum des 1.400 Einwohner zählenden Dorfes. „Nur war das ein bisschen anders als das, was man in Deutschland darunter versteht“, erzählt Gehrs. Es kamen fast ausschließlich Jungen und die hatten oftmals wenig Lust auf pädagogische Inhalte. „Ich hatte das Gefühl, dass das Zentrum dazu da war, dass die Jungs in der Zeit, in der sie bei uns waren, keinen Blödsinn auf der Straße anstellen konnten“, sagt sie. Viele von ihnen hatten zuhause keinen Internetanschluss oder Computer und kamen deswegen. Hin und wieder standen aber auch Ausflüge und Aktionen wie Müllsammeln oder Malerarbeiten auf dem Programm. „Als ich besser Ungarisch sprechen konnte, wurde der Kontakt immer freundschaftlicher, denn viele konnten kein Englisch“, sagt Gehrs. Ein spannender Einblick, denn vorher wusste sie fast gar nichts darüber.

Lehrerin auf Probe

Die Vormittage verbrachte die 19-Jährige als Assistenzlehrerin in den Deutsch- und Englischstunden in der Grundschule des Dorfes oder in Schulen in der Umgebung „Grundschulen in Ungarn sind von der ersten bis zur achten Klasse, deshalb habe ich eine große Bandbreite kennengelernt“, sagt sie. Neben dem Gedichtwettbewerb auf Deutsch gab es noch ein weiteres Highlight: Mit den Kindern und Jugendlichen schrieb sie ein Theaterstück, das inklusive Kostümen und Musik aufgeführt wurde. „Dafür habe ich die Klavierbegleitung gespielt und die Jugendlichen haben gesungen und geschauspielert auf Deutsch, und dafür sogar alles auswendig gelernt“, berichtet sie.

In einer Zeit, in der es viele ihrer Altersgenossen in die Städte zieht, empfand Gehrs das Leben im Dorf als Bereicherung: „Es ist toll, dass du nach einer Zeit nicht nur deine Nachbarn, sondern jeden kennst und zur Dorfgemeinschaft dazu gehörst. Das hat mir sehr geholfen, schnell Ungarisch zu lernen“, erzählt sie. Auch suchte sie sich einen Chor und ein Orchester in der nächsten Stadt. „Ich denke, gerade dadurch habe ich viele Freunde gefunden und das Land über die Musik besser kennengelernt. Das hätte ich so nie gedacht, aber bei der Musik braucht es nicht unbedingt die Sprache, um sich zu verstehen“, sagt Gehrs. Ihr nächstes Ziel lautet nun, ein Sprachzertifikat für Ungarisch zu bestehen.

Auch das ist Europa

Das Zusammenleben mit ihren vier Mitbewohnern habe ihr vor allem vermittelt, tolerant zu sein. „Ich fand das super, weil ich so unterschiedliche Meinungen über Deutschland und Europa gehört habe – auch wenn es natürlich anstrengende Momente gab“, sagt sie. So richtig schwierig wurde es eher, wenn sie sich mit den Einheimischen über Politik unterhalten wollte. „Die oft sehr national-konservativen Meinungen haben mich schon etwas gestört, andererseits habe ich aber auch mit jungen Menschen gesprochen, die sehr Orbán-kritisch waren“, sagt sie. Eine Erfahrung ist ihr dabei besonders im Gedächtnis geblieben: „Ein Bekannter, der im öffentlichen Sektor arbeitet, erzählte, dass er lieber nicht wählen geht, weil er sonst Angst hat, seinen Job zu verlieren“, sagt Gehrs. Das habe sie geschockt, weil ihr bis dahin nicht bewusst gewesen sei, dass es das mitten in Europa gebe.

Über ihre Erfahrungen in Ungarn erzählte sie auch in einem ungarischen Radiosender in Budapest, der sie über ihren Blog gefunden hatte. Vor kurzem ist die 19-Jährige nun ins bayrische Passau gezogen, um European Studies zu studieren. „Ich kann mir zwar immer noch vorstellen, Lehrerin zu werden, aber das kenne ich ja nun schon gut, deswegen habe ich mich für ein Studium mit vielen Auslandsaufenthalten entschieden“, sagt sie. Ohne den Freiwilligendienst wäre sie da nicht drauf gekommen. Deshalb wünscht sie sich, dass noch mehr Menschen die Vielfalt Europas über einen europäischen Freiwilligendienst erleben können. Sie ist zwar erst seit Kurzem in der Studentenstadt, hat aber schon eine europäische Dimension entdeckt: „Weil ich in Passau immer so viele Sprachen und Töne höre, ist mir die Idee gekommen, ein Musik-Projekt dazu zu machen, wie europäisch die Stadt klingt “, erzählt sie. An dieser Idee will sie die nächsten Monate feilen und natürlich darf auch Ungarn darin nicht fehlen, denn Passau ist die Partnerstadt von Veszprém, in der Gehrs während ihres Freiwilligendienstes unterrichtete.

Lena Bauch (23) ging für ein Jahr nach Cornwall und arbeitete im Projekt „The Monkey Sanctuary - Wild Futures“

comeback 2019 ESK - Die Europäische Freiwillige Lena vor dem KulturBahnhof Kassel

Morgens nur von der Natur und den Lauten der Affen geweckt werden – das war noch bis September die tägliche Realität für Lena Bauch. Die 23-jährige Bayerin wollte eigentlich nur zwei Monate im Südwesten Englands bleiben, doch dann wurde es ein ganzes Jahr, in ihrem Einsatzort, The Monkey Sanctuary in Cornwall. „Ich habe vor dem Freiwilligendienst eine Ausbildung zur Mediengestalterin gemacht und wollte mir Zeit für ein Gap-Year nehmen, weil ich gemerkt habe, dass ich den Job nicht mein ganzes Leben machen will“, sagt Bauch. Schon immer wollte sie mit Tieren arbeiten. So wurden aus den zwei Monaten ein Jahr, weil es ihr in der Affen-Auffangstation, die auch als Bildungszentrum und Ausflugsort dient, so gut gefiel. „Ich konnte sowohl meine Fähigkeiten einbringen und zum Beispiel Flyer gestalten oder Newsletter anlegen, als auch ganz neue Dinge im Bereich Erwachsenenbildung lernen“, erzählt sie.

Herausforderungen durch die Sprache

„Die meisten wissen gar nicht, dass es in England legal ist, einige Affenarten als Haustiere zu halten – das machen nicht gerade wenige Leute dort“, berichtet Bauch. Die Regelungen seien dabei oft sehr locker und die Affen würden in kleinen Käfigen gehalten. Dabei verkümmerten sie jedoch oft, da sie Gruppentiere seien. „85 Prozent der Affen, die zu uns kamen, wurden illegal gehalten, viele von ihnen haben psychische Erkrankungen, Behinderungen oder waren Diabetiker, weil sie falsch ernährt wurden“, berichtet Lena Bauch. Entweder waren die Besitzer selbst überfordert, weil die Tiere aggressives Verhalten zeigten oder der Tierarzt ordnete an, dass die Affen in die Auffangstation kommen.

Ausgewildert werden diese Tiere nicht mehr, doch in der Affen-Auffangstation will man den rund 40 Tieren wenigstens ein besseres Leben als zuvor bieten. „Es gab sehr große Gehege und wir haben extra Spielzeug für die Affen und ihre Bedürfnisse gebaut“, sagt Bauch. Oft kamen Studenten, Schülergruppen und Familien, die mehr zu den Affen dort erfahren wollten: „Vor den Vorträgen über solch ein Fachthema auf Englisch hatte ich gerade am Anfang sehr viel Respekt, aber dass ich das machen durfte, hat mir auch viel Selbstbewusstsein gegeben“, sagt sie.

Von Natur und Nachhaltigkeit

Im Winter las, beobachtete und analysierte sie die Tiere, um ihr Wissen an die Besucher/-innen weitergeben zu können. „Die meisten wussten überhaupt nicht, dass die Familie des Baby-Affen in der Wildnis meist erschossen wird, um ihn als Haustier verkaufen zu können“, berichtet sie. Gerade die Erwachsenenbildung und die Workshops mit Kindern veränderten sie, weil daraus oft Diskussionen entstanden: „Manche Meinungen zuzulassen war anstrengend, und auch wenn sich Gruppen nicht an Regeln gehalten haben und die Affen nachgemacht oder über sie gelacht haben, wurde es stressig“, sagt Lena Bauch. Denn Lachen bedeutet für die Affen Aggression. „Dann musste ich auf nette, aber bestimmte Art darauf hinweisen, dass das nicht geht. Das war nicht einfach, weil Engländer ja immer so höflich sind“, erinnert sie sich.

„Ich denke, mein größter Lernerfolg aus der Zeit war, über mich selbst, aber auch von dem sozialen Verhalten der Tiere zu lernen“, berichtet Bauch. Das Zusammenleben mit anderen Freiwilligen aus Deutschland, Spanien, Italien und den Niederlanden empfand sie als Bereicherung – auch weil die Auffangstation sehr einsam gelegen war. „Wollte man mal weg, blieb nur das Taxi, weil die Station auf einem entlegenen Hügel direkt an der Küste lag“, erinnert sie sich. Viel in der Natur zu sein, gehörte in England dazu: Wandern, klettern, surfen hießen ihre Hobbies in dem Jahr im Ausland. Genau das ist es, was ihr zurück zuhause in der Stadt etwas fehlt und schwer fällt. „Ich habe mich jetzt für ein Studium der Sozialen Arbeit mit einem Zusatzstudium als Nachhaltigkeitscoach entschieden, sodass mich das Thema Natur nie wieder ganz loslassen wird“, sagt sie.

Simone Delanoff (20) verbrachte das Frühjahr im Eko centar Latinovac in Kroatien

comeback 2019 ESK - Porträt der Europäischen Freiwilligen Simone

„Ich wusste vor dem Dienst überhaupt nicht, ob das etwas für mich ist, zwei Monate in einem 60-Seelen-Dorf in Kroatien zu leben“, erzählt Simone Delanoff aus München. Die 20-Jährige entschied sich auch deshalb dafür, einen kurzen Freiwilligendienst zu machen. „Ich habe 2018 mein Abitur gemacht, aber schon in der 10. Klasse Englisch abgewählt, deswegen hatte ich große Bedenken. Es war eine sehr große Überwindung für mich, mich zu trauen, so viel Englisch zu sprechen“, sagt sie. Diese Bedenken stellten sich aber schnell als unbegründet heraus, denn in dem Zentrum nahe der bosnischen Grenze sprach fast niemand perfektes Englisch. „Ich denke aber auch rückblickend, dass die zwei Monate ein guter Zeitraum waren – gerade auch weil ich das erste Mal so lang allein von zuhause weg war“, erzählt sie.

Mit den anderen Freiwilligen lernte sie in dem Zentrum, in dem sich fast alles um Nachhaltigkeit dreht, Neues über Permakultur und Gartenarbeit. „Wir haben Gurken, Tomaten, Kartoffeln und Zwiebeln für den Eigenbedarf gepflanzt, aber auch gelernt, wie man ein Gewächshaus aus nachhaltigen Materialien wie Stroh und alten Glasfenstern baut“, erzählt sie. Auch wie man einen Kompost richtig anlegt und Vogelscheuchen baut weiß sie nun. Aber Delanoff lernte auch handwerkliche Fähigkeiten im Bereich Konstruktion: „Wir haben für eine Bühne draußen eine Dachkonstruktion aus Holzbalken gebaut und ein Loch in der Wand der Freiwilligen-Küche zugemauert“, berichtet Delanoff. Dazu gruben sie ein Loch in den Boden, bis sie bei der Lehmschicht ankamen und vermischten den Lehm mit Stroh. „Das war ein echtes Erlebnis. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas Mal selbst mache“, sagt sie.

Etwas Bleibendes hinterlassen

Auch gab es Aufgaben, die sich an die gesamte Gemeinschaft richteten: Im Zentrum organisierten die Freiwilligen ein Frühlingsfest mit Spielen und kochten Spezialitäten aus ihren Heimatländern: „Ich habe Bretzeln gebacken und wir haben ein kleines Konzert mit Liedern auf Spanisch, Italienisch und Englisch veranstaltet“, erzählt Delanoff. Zu dem Fest kamen auch Bewohner aus den umliegenden Dörfern. Für Latinovac entwarf Delanoff in einem kleinen eigenen Projekt eine Schautafel. Ihre Idee: Zu erklären, wie man die Himmelsrichtungen an den Sternen ablesen kann und was man – je nach  Jahreszeit – dabei beachten muss. „Es ist schön, dass so etwas von einem selbst zurück bleibt im Dorf“, resümiert sie.

Neben der praktischen Arbeit bekam sie auch einen Einblick in das kroatische Bildungssystem: „In Latinovac gab es keine Schule, aber eine Englischlehrerin aus dem Dorf hat uns mit in ihre Grundschule genommen und ich durfte dort einen Vortrag über das Leben in Deutschland halten“, sagt Delanoff. „Ich war sehr erstaunt, wie gut die Sechstklässler dort Englisch konnten.“ Zusammen mit anderen Freiwilligen sprach sie wenig später auch an einer weiterführenden Schule über Freiwilligendienste. „Wir haben da ein kleines Quiz zum Europäischen Solidaritätskorps und Europa gemacht und sind so ins Gespräch gekommen mit den Jugendlichen“, erinnert sie sich.

Eine Erfahrung, die bleibt

Neben den neuen praktischen Fähigkeiten beeindruckten sie am meisten die Menschen, die sie kennenlernte: „Ich habe bei internationalen Abenden viel über fremde Lebenswelten erfahren. Als die spanischen Freiwilligen ihre Heimat vorgestellt haben, habe ich das erste Mal realisiert, dass man am Meer und in den Bergen gleichzeitig leben kann“, erzählt Delanoff lachend. Aber die Zeit in Kroatien veränderte sie auch persönlich: „Was ich beim Freiwilligendienst losgeworden bin, ist das Denken und der Druck, sofort nach dem Abitur studieren und arbeiten zu müssen.“

Seit ihrer Rückkehr ist sie motiviert, ihr erstes eigenes europäisches Projekt umzusetzen: „Über meinen Mentor in Kroatien habe ich Leute kennengelernt, mit denen ich an einem Europa-Wanderjahr arbeiten möchte“, erzählt sie. Die Idee eines solchen Wanderjahrs sei, dass junge Leute verschiedenste Kulturhäuser in ganz Europa besuchen können, um dort Freiwilligendienst zu leisten. „Egal ob Hilfe auf einer Farm, bei der Restauration eines Hauses oder bei einem bestimmten Workshop – über ein Netzwerk sollen verschiedene Möglichkeiten entstehen“, berichtet sie. Beim comeback 2019 ESK fand sie dafür erste Mitstreiter/-innen und Kontakte. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass so viele Leute die Idee toll finden und dabei sein wollen“, freut sich die 20-Jährige.

Rouven Lipps (29) lebte für 12 Monate in einem Öko-Projekt auf 250 Hektar wilder Natur in Andalusien

comeback 2019 ESK - Porträt des Europäischen Freiwilligen Rouven

An einem Tag vier verschiedene Sprachen mit Muttersprachlern sprechen – das gehörte zu Rouven Lipps täglicher Realität in einem Öko-Gemeinschaftsprojekt 60 Kilometer von Sevilla entfernt. „Ich bin über das Global Ecovillage Network auf das Projekt in Andalusien aufmerksam geworden und war neugierig auf das Leben dort“, erzählt Lipps. Der gelernte Zimmermann ist schon länger in Sachen Nachhaltigkeit unterwegs, kennt viele Beispiele von Öko-Gemeinschaftsprojekten. „Das Projekt ist eine der ältesten Gemeinschaften dieser Art in Spanien. Es leben permanent etwa 25 Leute auf 250 Hektar Fläche“, erzählt er. Viele Tätigkeiten kannte er schon, aber der internationale Kontext war eine neue Erfahrung für den 29-Jährigen.

In dem Gemeinschaftsprojekt lebt eine bunte Mischung von Menschen aus Spanien, Frankreich, Belgien und Deutschland. „Ich war der erste Freiwillige, der ein Jahr geblieben ist“, sagt Lipps. Das lange und eingespielte Zusammenleben der Gruppe sei dabei auch eine Schwierigkeit gewesen: „Dass sich so eine Gruppe öffnet, wenn von außen neue Menschen mit neuen Ideen kommen, ist schwierig – da wäre noch mehr möglich gewesen“, resümiert er. Dennoch sei es eine besondere Erfahrung gewesen, auch weil er Verantwortung für die anderen Freiwilligen übertragen bekam: „Ansprechpartner vor allem für die Kurzzeit-Freiwilligen zu sein, war für mich eine bereichernde Aufgabe“, reflektiert er. Wie viele Regeln sind nötig? Wie viel Freiraum braucht der Einzelne und wie organisiert man das Zusammenleben bei so verschiedenen Backgrounds? Das waren Fragen, die ihn täglich beschäftigten.

Ein bisschen von allem

Neben der koordinierenden Arbeit wurde es aber auch sehr praktisch: Im Projekt gab es eine Ziegenherde, einen Gemüsegarten und eine Bäckerei. Die Produkte, Käse, Milch, Joghurt und Brot, wurden auf dem lokalen Markt und an Bioläden verkauft. Daneben werden aber auch die Natur und Räumlichkeiten für Gäste und Kurse im Bereich Persönlichkeitsentwicklung, Bewegung, Tanz und Spiritualität genutzt.

„Weil ich Zimmermann bin, habe ich vor allem an Bauprojekten auf dem Gelände gearbeitet und konnte viele ökologische Materialien wie Stroh, Kalk und Lehm nutzen“, berichtet er. Aber auch beim Ziegenmelken, in der Küche und bei der Veranstaltungsorganisation konnte er sich einbringen. „Das war teilweise schon eine Herausforderung bei einer Konferenz zwischen 60 und 80 Leute zu versorgen“, erinnert sich Lipps.

Ihm ist es wichtig, dass noch mehr Orte dieser Art ihren Platz in der Gemeinschaft einnehmen. „Ich finde, sie müssten noch viel präsenter sein, weil sie konkrete Antworten bieten dazu, wie gutes Leben mit einem geringeren ökologischen Fußabdruck und mehr Genügsamkeit geht“, erklärt Lipps. Für ihn persönlich stecke ein großer Anteil dafür im zwischenmenschlichen Zusammenleben abseits von Konsum. „Kultur selber machen“ nennt er das. Die Kultur sei der verbindende Faktor von Ökonomie, Ökologie und Sozialem. „Ich sehe es als die Aufgabe meiner Generation, weg vom Schwarz-Weiß-Denken zu kommen und diese Aspekte miteinander kommunikativ und über Kooperationen zu verbinden“, sagt Lipps. Genau dafür brauche es Orte.

Dinge entlernen

Momentan drücke er sich selbst davor, fest an einem Ort zu sein und seinen Platz einzunehmen, sagt Lipps. Die vergangenen neun Jahre seit dem Abitur habe er vor allem damit verbracht, viele Dinge zu entlernen, die dort als normal vermittelt wurden. „Zum Beispiel, Fragen zu beantworten, die andere stellen, anstatt die eigenen Fragen zu finden oder auch besser zu sein als andere, um einen Wert zu haben“, sagt er. Das sei keine Anklage, aber es motiviere ihn, neue Wege auch unabhängig der Erwartungen von Gesellschaft und Familie zu suchen, und die Reise nach innen anzutreten.

Natürlich könne bei dieser Reise nach innen auch ein Freiwilligendienst helfen, sagt Lipps, aber ein systemischer Wandel wäre ihm noch lieber. „Während des comebacks haben wir uns gefragt, was wir tun würden, wenn wir Bundeskanzler wären“, erzählt er. „Ich würde das verpflichtende Schulfach Gemeinschaftsbildung über alle Jahrgänge einführen, in dem Kooperation, Kommunikation und Wertschätzung thematisiert werden“, sagt Lipps. Dabei müsse es darum gehen, dass niemand mehr zu sagen hat, als jemand anderes, richtig zuzuhören und zu lernen, sich mit Themen zu verbinden.

Text und Fotos: Lisa Brüßler für JUGEND für Europa

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