28.10.2019

comeback 2019 ESK - Straßenaktion: Eine Fußbodenzeitung für Kassel

comeback 2019 Rückkehr-Event im Europäischen Solidaritätskorps. Auf dem Bild sind junge TeilnehmerInnen des comeback im Gespräch mit Passanten in der Kasseler Innenstadt zu sehen. Eine Jugendliche steckt eine Heftzwecke auf eine Europakarte, die von comebStraßenaktion - comeback 2019 Rückkehr-Event im Europäischen Solidaritätskorps

comeback 2019, das Rückkehr-Event im Europäischen Solidaritätskorps (ESK), bedeutet auch, auf die Straße zu gehen und mit den Menschen über Europa zu sprechen. Doch auf den Straßen Kassels waren nicht nur glühende Europäer, sondern auch kritische Bürger/-innen und Zweifler unterwegs – kein Problem für die Jugendlichen, denn das Ziel lautete: Ins Gespräch kommen und Gedanken über Europa auszutauschen.

„Was wünschen Sie sich von Europa?“, ruft Fabian Leßmann einer etwas erstaunten Seniorin am Eingang des Kasseler Hauptbahnhofs entgegen. Der Vorplatz des Bahnhofs mit dem Himmelsstürmer-Wahrzeichen ist nicht gerade ein lebendiger Ort mit Ausstrahlung. Welchen Unterschied da junge Menschen mit bunten Schildern, Europa-Karten und Quizfragen an einem Samstagnachmittag Ende Oktober machen können, nahmen die Kasseler positiv wahr. „Toll, dass ihr euch aktiv für Europa einsetzt und nicht nur demonstrieren geht“, lobte die Seniorin.

Genau das war die Idee: In den Dialog kommen über die Wünsche an die Europäische Union, dazu, was das europäische Projekt für einen persönlich bedeutet – und auch, was vielleicht für Enttäuschung sorgt.

Europa bedeutete Ordnung und Frieden

Dazu gestalteten die Jugendlichen eine knapp drei Meter große Fußboden-Zeitung, die sie mit den Stimmen der Passanten füllten. Die Überschrift, „Europa in Uns“, muss im Vorbeigehen gelesen werden können, überlegten die Jugendlichen laut. Schon nach kurzer Zeit hielten immer mehr Menschen an dem Plakat an, sodass sich die Zeitung mit Statements und Begriffen füllte. „Ordnung“ und „Frieden“ standen da sehr schnell. Zwei Jungs, Tim und Lars, hielten mit ihren Rollern an. Die ersten beiden Begriffe, die ihnen zu Europa einfallen sind die „Sternen-Flagge“ und die „Europahymne“. „Danke, dass ihr zu Europa beigetragen habt“, sagt Fabian, der seinen Freiwilligendienst in einem Bildungsprojekt in England verbracht hat und jetzt in Berlin studiert.

Luise Höppner aus Leipzig kam mit einer jungen Frau aus Kassel ins Gespräch. Sie war in einem Jugendzentrum in Tschechien und gab zwölf Monate lang Kurse und begleitete Jugendcamps. „Die Verständigung war oft schwierig, denn Englisch ist für einige Jugendliche eine große Hürde“, erklärt sie der jungen Frau .Ob sie denn auch Tschechisch gelernt hätte, will diese wissen: „Ja, ein bisschen“, antwortet Luise. „Aber für anspruchsvolle Dialoge ist die Sprache noch zu kompliziert“, sagt sie. Die Frau lässt den Satz „Ich hoffe auf mehr Solidarität“ da, denn sie engagiert sich in einer Initiative, die Geflüchteten mit der deutschen Sprache hilft.

Zu wenig erreicht?

Eine Gruppe älterer Männer bleibt stehen. Auch sie halten Schilder in der Hand, denn sie kommen gerade von einer Demonstration, die sich gegen die geringen Renten in Deutschland richtet, erzählen sie Stella Reinartz, die in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen gearbeitet hat. „Ich habe meinen Freiwilligendienst in Extremadura, Spanien, gemacht und denke, dass die Menschen dort sehr ähnliche Probleme und Gedanken haben wie Sie hier – die Unterschiede sind gar nicht so groß, wie wir oft denken“, sagte die 21-Jährige. Wie sie zu Europa stehe, will die Rentnergruppe von ihr wissen: „Ich bin überzeugte Europäerin“, antwortet Stella. Trotzdem sei das Kennenlernen in einem neuen Land gar nicht so einfach.

„Ich war froh, dass es noch andere Freiwillige in meiner Einrichtung gab, von denen ich viel lernen konnte und ich denke, wir haben eine ganz schöne Vielfalt in die Stadt gebracht“, sagt sie. Sie fände es gut, wenn auch ältere Menschen einen ähnlichen Freiwilligendienst machen könnten, sagt sie der Gruppe. Doch die sind nicht so richtig überzeugt von der Idee. „Es hat mich beeindruckt, dass es in Spanien sehr viele generationenübergreifende Dialoge und Orte gibt, wie zum Beispiel ganz schmucklose Cafés im Ort“, erinnert sie sich an ihren Dienst zurück, den sie im Mai 2019 beendet hat. „Wenn dort ein fremder Mensch dazu kam, dann freuten sich meist alle“, sagte Stella. Die Gruppe verabschiedet sich, lässt aber die Statements „kommt nicht zu viel an“ und „zu wenig erreicht“ für die Zeitung da.

Mit- statt übereinander reden

Marieke Berning berichtet einer Frau, die stehen geblieben ist, von ihrem Freiwilligendienst in den Niederlanden. Sie schrieb „Chancengleichheit“ auf. „Das FSJ kenne ich, aber von einem europäischen Freiwilligendienst habe ich noch nie gehört“, sagte sie. „Ich habe in einer Einrichtung für Demenzkranke mit Wohngemeinschaften und einem Kindergarten gearbeitet“, erklärte die 19-Jährige ihr. Eine Begegnung sei ihr besonders in Erinnerung geblieben: Ein 92-jähriger Bewohner habe ihr erzählt, dass er in Kriegsgefangenschaft in Deutschland gewesen war. „Da hab ich wegen der Schuldfrage schon ein bisschen Bange bekommen, aber er hat nur gesagt, dass es unsere Aufgabe ist, dass wir das nicht vergessen dürfen – das hat mich erleichtert, aber auch sehr berührt“, erinnert sich Marieke.

Besondere Begegnungen hatte auch Alina Hoetel. Die 20-Jährige arbeitet in einer Einrichtung im polnischen Auschwitz und hatte mit dem Thema Erinnerungsarbeit zu tun. „Ich habe viel darüber gelernt, wie die Polen denken und welche Rolle Geschichte in ihrer Wahrnehmung spielt“, berichtete sie. „Gerade die Zeitzeugen haben mich sehr stark beeindruckt mit ihren individuellen Geschichten. Und sie hatten teilweise sehr fortschrittliche Meinungen was die gesellschaftliche Vielfalt angeht, das hatte ich so nicht erwartet“, erinnert sie sich. Gleichzeitig erstaunte sie, wie hoch die Politikverdrossenheit unter den Jugendlichen war und dass viele nicht wählen gehen. Ihr Beitrag für die Zeitung lautete daher „mehr miteinander als über einander reden“.

Die Zeitung füllte sich immer weiter und war schon nach 90 Minuten mit Begriffen wie „Meinungsfreiheit“, „Clean Cities“, aber auch „Festung Europa“ und „kein Auseinanderdriften“ gefüllt. „Ich selbst habe ‚Reisefreiheit’ geschrieben, weil mir klar geworden ist, wie wenig wir wissen über unsere Nachbarn – das war bei mir nicht viel anders bevor ich los bin nach Ungarn“, erzählte Frauke Knappmann. Sie arbeitete in ihrem Freiwilligendienst mit Pferden und Jugendlichen. „Alles kam ein bisschen anders als gedacht, aber ich habe so viel über die ungarische Kultur und das Land gelernt, das geht nur über Reisen“, sagte sie. Jede Woche gab sie in dem kleinen Dorf, in dem sie lebte, einen Handarbeits-Kurs und übte Englisch mit Jugendlichen aus der Umgebung. „Die Straßenaktion war jetzt kein großes Ereignis, aber ich bin total motiviert, die europäische Idee mehr Leuten zu vermitteln“, resümierte sie die Aktion.

Lisa Brüßler für JUGEND für Europa

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