26.10.2019

comeback 2019 ESK - Europas Zukunft in Zeiten des Klimawandels

comeback 2019 Rückkehr-Event im Europäischen Solidaritätskorps. Blick aus dem Publikum auf die RednerInnen auf der Bühne.comeback 2019 Polit-Battle | Rückkehr-Event im Europäischen Solidaritätskorps

Dass junge Menschen aus der Zivilgesellschaft und junge Entscheider/-innen aus Wirtschaft und Politik miteinander diskutieren, gehört beim comeback, dem jährlichen Rückkehr-Event für Freiwillige im Europäischen Solidaritätskorps (ESK) zur Tradition. Doch bei einem Themenkomplex werden die Diskussionen derzeit besonders leidenschaftlich – Umwelt und Klima. Denn die Frage lautete: Setzt die Politik die Zukunft der Jugendlichen aufs Spiel?

Kann man als Verbraucher/-in überhaupt alles richtig machen? Wer sind die Player bei der Klimakrise? Reicht es, auf Europa zu schauen, oder muss global gedacht werden? Das waren nur einige der Fragen, die beim comeback 2019 Polit-Battle im KulturBahnhof Kassel zwischen den sieben Diskutant/-innen aufkamen. Das Podium war dabei so durchmischt, wie auch das Meinungsspektrum in der Gesellschaft. „Darüber, dass es wichtig ist, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen, sind sich weitestgehend alle Parteien einig. Die Frage ist nur, wie streng die Regeln sein müssen“, eröffnete logo!-Moderator Tim Schreder die Diskussion.

Moritz Leo (20) aus Freiburg absolvierte seinen Freiwilligendienst auf einem Bauernhof in Belgien. „Ich bin der Meinung, dass der Klimaschutz an neoliberalen Dogmen und konservativer Politik scheitert“, sagte er beim Battle. Darauf zu setzten, dass etwas freiwillig geschehe, würde nur dazu führen, dass es „eine Klimapolitik der faulen Masse“ gebe. Stattdessen müsse es auch Verbote geben, um dem Klimawandel noch aufzuhalten. „Konsum ist kein Menschenrecht und Verzicht kein Rückschritt“, plädierte er.

Wandel beginnt bei sich selbst

Dass keine Zeit zum Abwarten sei, betonte auch Andrae Morf. Er ging für seinen Freiwilligendienst ein Jahr nach Slowenien: „Die Klimakrise ist die größte Gefahr unserer Zeit und sie ist international“, sagte er. Auf Eigenverantwortung zu setzen und nicht auf die Politik zu warten, halte er für den schnellsten Weg: „Jeder muss bei sich selbst anfangen und weniger und besser konsumieren“, sagte er, denn die Klimakrise sei auch global gesehen eine Frage der Gerechtigkeit.

Das sah Antonia Mertsching (Die Linke) ganz ähnlich: Die Sächsin sitzt seit vergangenem Monat im dortigen Landtag, beschäftigt sich aber schon lang mit Fragen des Umweltschutzes und der sozialen Gerechtigkeit. „Ich habe vor zehn Jahren angefangen konsumkritische Stadtführungen in Dresden zu geben und in der Zeit verstanden, dass wir als Konsumenten etwas tun müssen, aber dass auch die Politik das Zepter in die Hand nehmen muss, um etwas am System zu ändern“, erklärte sie. In den vergangenen Jahren habe sie ihr Leben stark entmaterialisiert sowie ein „persönliches CO2-Budget“ eingeführt, durch das momentan Flüge innerhalb Europas für sie nicht drin seien.

Wie alle mitnehmen?

Fridays for Future mobilisiert und polarisiert in ganz Europa. In Kassel gründete der 18-jährige Viet-Hoang Nguyen die Initiative mit. „Wir haben erkannt, dass wir es sind, die die Folgen der Politik, die jetzt gemacht wird, ausbaden müssen“, sagte er. Der Klimawandel gefährde aber nicht nur die Zukunft, sondern auch die Freiheit, sagte er.

Dass oft nur im nationalen Rahmen über Klimapolitik nachgedacht werde, sei nicht sinnvoll, sagte Lucas Schwalbach (FDP). Den Landesvorsitzenden der Jungen Liberalen Hessens beschäftigt besonders, wie andere Länder bei der Frage mitgenommen werden können, den Weg hin zum nachhaltigen Wirtschaften zu gehen. In der aktuellen Diskussion würden ihm viele Argumente zu kurz greifen, sagte Schwalbach.

„Mich stört, dass die Diskussion sehr absolut geführt wird“, kritisierte auch Christoph Steinbach, Sprecher der Wirtschaftsjunioren Kassel. Die Wirtschaft müsse ihren Teil dazu beitragen wenn es um ökologisch nachhaltiges Wirtschaften gehe, aber es gebe nicht nur eine Antwort, sagte Steinbach. „Es ist richtig, sich einzubringen und nicht nur zu beklagen“, sagte er. Statt für Aktionismus plädiere er aber für Augenmaß in der Debatte und dafür, dass alle gefordert seien.

Dass Entscheidungsträger/-innen immer wieder daran erinnert werden müssten, die gesetzten Ziele einzuhalten, betonte Rebecca Freitag. „Ich glaube, wir haben ein Bild verinnerlicht, dass ein bisschen grüner Lifestyle es schon richten wird, dem ist aber nicht so“, sagte die DBJR- / UN-Jugenddelegierte für nachhaltige Entwicklung. Es brauche nicht „ein bisschen weniger Plastikstrohalm hier und früher das Licht ausmachen da“, sondern strukturelle Veränderungen durch kollektive Aktionen, sagte Freitag.

Muss die Politik mehr machen?

Angefangen bei Flugverboten innerhalb des Bundesgebiets, über das Thema E-Mobilität ging die Diskussion bis hin zum von der Bundesregierung geplanten Kohleausstieg. „Es ist ernüchternd, zu sehen, dass das Klimapaket das Ergebnis ist, wenn 1,5 Millionen Menschen auf die Straße gehen. Deswegen fühlen wir uns oft nicht wahrgenommen und repräsentiert“, betonte die Jugenddelegierte Freitag. „Hinter der Debatte um die innerdeutschen Flugverbote steckt nicht viel, die Inlandsflüge machen nur drei Prozent der Gesamtemissionen Deutschlands aus“, sagte der Liberale Schwalbach. Die eigentliche Diskussion müsse sich um die Alternativen drehen, denn „keiner will auf Mobilität verzichten“, sagte er.

Die„Flugscham“ fühlte auch ein großer Teil des Publikums, wie eine spontane Umfrage zeigt – trotzdem steige die Zahl der innerdeutschen Flüge an. Linken-Politikerin Mertsching vertritt da eine klare Linie: „Es gibt kein umweltfreundliches Fliegen. Nicht-Fliegen bedeutet, Menschen, die ich kennengelernt habe, nicht zu sehen und ich werde es auch weiter so halten, weil Fliegen nicht nötig ist“, sagte sie. Es gehe nicht darum, bestimmte Verhaltensweise zu verbieten, sondern den CO2-Ausstoß insgesamt zu verringern und die Frage global zu betrachten, entgegnete Schwalbach.

Globale Verantwortung darf keine Ausrede sein

Das dürfe jedoch keine Ausrede sein, kritisierte die UN-Jugenddelegierte Freitag: „Wir haben die Technologien, die Wirtschaft und eine starke Ziehkraft, um als Vorreiter voran zu gehen.“ Doch wie soll man alle mitnehmen, fragten auch die 220 Teilnehmenden und das Publikum aus Kassel im vollen Plenarsaal. „Es reicht nicht, zu sagen, wir brauchen ein paar mehr E-Autos, es braucht eine drastische Verkehrswende und zum Beispiel autofreie Innenstädte, damit die Emissionen runter gehen“, sagte Freitag. ESK-Freiwilliger Leo hatte eine weitere Idee: „Es muss Sanktionen auf Fehlverhalten, wie zum Beispiel beim Verstoß gegen das Pariser Klimaabkommen, geben.“ Die Strukturen bestünden, es sei nur die Frage, warum Verstöße nicht geahndet würden, sagte er.

Beim Thema Kohlestrom wurde es dann nochmals persönlich. Moderator Schreder fragte, wer spontan dazu bereit sei, sein Handy für die Zeit des comebacks abzugeben. Viele meldeten sich. „Das war nur ein Test, um zu verdeutlichen, dass in der EU allein 163 Millionen Kilo Steinkohle nur für Smartphones benötigt werden“, löste Moderator Schreder schnell auf. Andrae Morf plädierte für Eigenverantwortung: „Wir als Konsumenten setzen die Trends was die Nutzung und den Kauf – nicht nur von Smartphones – angeht.“ Steinbach sprach sich in der Debatte für mehr Augenmaß aus: „Die Energien, die wir kritisieren, sind nicht der Schlüssel zur Zukunft“, sagte er. Viele Unternehmen investieren bereits in erneuerbare Energien, „aber für mehr Investitionen in neue Technologien braucht man erfolgreiche Unternehmen“, plädierte Steinbach.

So richtig annähern wollten sich die Positionen nicht, doch kamen die Faktoren Demokratie und Dialog in die Diskussion. „Wir können nicht länger warten, das Schlechte muss teurer und das Gute günstiger werden“, sagte Freitag. „Wir müssen die Menschen mitnehmen und überzeugen und nicht demokratische Institutionen übergehen“, entgegnete Schwalbach. „Politik sind wir alle, es sind nicht nur die Mandatsträger/-innen, sondern jeder und jede Einzelne. Die Aufforderung lautet also, das fortzusetzen, was ihr in eurem ESK angefangen habt, um etwas zu verändern“, hatte er das Schlusswort, dass dann doch fast alle im Saal unterschreiben konnten.

Das diesjährige Polit-Battle wurde im Live-Stream übertragen. Die Aufzeichnung kann über www.youtube.com/jugendfuereuropa aufgerufen werden.

Lisa Brüßler für JUGEND für Europa