05.04.2017

Konferenz EVS4ALL: Die politische Ebene erreichen

Musikalische Eröffnung durch das Cielo Faccio Orkestar / Foto © Bernhard Ludewig

Europa ist an einem kritischen Punkt: Schon oft wurde ein neues Fundament der Solidarität gefordert, seit langem wird über einen inklusiveren Freiwilligendienst diskutiert. Auf der Konferenz "EVS4ALL- Volunteering for a Social Change" in der Berliner Allianz Kulturstiftung wurden Ergebnisse der gleichnamigen Strategischen Partnerschaft vorgestellt und über deren Umsetzung diskutiert.

"2012 forderten wir – damals noch als Abgeordnete – in unserem 'We are Europe'-Manifest Europa per bottom-up wieder aufzubauen. Dass auch mehr Köche woanders in Europa kochen können und nicht nur Studenten profitieren – quasi einen Freiwilligendienst für alle“, sagte Daniel Cohn-Bendit als Ehrengast in seiner Eröffnungsrede.

Ein langer Weg sei es seitdem gewesen, die Idee musste in bestehende Programme eingebettet werden: "Es wurde bürokratisch, aber dann griff Kommissionspräsident Juncker die Idee mit dem Europäischen Solidaritätskorps auf", so Cohn-Bendit. Europa positiv erlebbar zu machen, mehr Austausch zu ermöglichen, das sei der richtige Schlüssel.

Wie genau mehr Austausch auch für diejenigen möglich sein soll, die geringere Chancen haben, darum drehte sich die Diskussionen während der gesamten Veranstaltung. Auf dem Podium diskutierten zum Auftakt Brando Benifei, Abgeordneter im Europäischen Parlament, Andrea Casamenti vom European Youth Forum, Vincent Immanuel Herr, der die Free Interrail-Initiative unterstützt und Helena Häußler: „Ich kämpfe für ein Europa für alle“, erklärte Helena, die neun Monate lang Computerkurse für ältere Menschen in Spanien gegeben hat. „Ich habe gelernt, was es heißt Ausländer zu sein. Das Gefühl, dass ich aktiv an etwas partizipieren kann, hatte ich aber erst bei den EuroPeers“, erzählt sie.

Seitdem ist sie regelmäßig mit Schülern im Dialog über europäische Austauschprogramme. Immer wieder erstaunt es sie, wie bei den Rektoren gekämpft werden muss, wie Lehrer sich querstellen, aber auch wie stark sich die Schüler dann doch dafür interessieren.

"Wie kann ich junge Menschen für den Freiwilligendienst begeistern, wenn sie in finanziellen Nöten sind?"

"Nonformale Lernerfahrungen müssen mit einer richtigen Anerkennung verbunden sein, damit sie auch eingesetzt werden können, um einen Job zu finden. Da drängen wir bei der Umsetzung im Solidaritätskorps sehr drauf," betonte Brando Benifei.

"Wir haben eine Charta veröffentlicht, um einen rechtlichen Rahmen für die Freiwilligen zu setzen. Da können wir noch bessere Bedingungen schaffen", ergänzte Andrea Casamenti. "Denn wie kann ich junge Menschen für den Freiwilligendienst begeistern, wenn sie in finanziellen Nöten oder arbeitslos sind?", fragte er weiter.

Benifei ergänzte: „Wir müssen die Jugendorganisationen involvieren, die die Jugendlichen erreichen, die nicht von selbst darauf kommen, aber diese Projekte am Dringendsten benötigen.“ Mit der nötigen Anerkennung könne ein Freiwilligendienst als Arbeitserfahrung gelten. Für eine Entlohnung von 500 Euro arbeiten zu können, wäre für Jugendliche, die bereits arbeitslos sind, eine Möglichkeit zu Neuorientierung und Befähigung, ergänzte Cohn-Bendit.

Dass sich der EFD noch auf längere Zeiträume beziehe, sei eine der Hürden für benachteiligte Jugendliche. „Wir müssen aus den Lektionen lernen, die wir beim Brexit gesehen haben. So eine große Zahl an jungen Menschen in Großbritannien ist nicht zur Wahl gegangen. Und warum? Weil sie glaubten, ihre Stimme und ihre Meinung seien unwichtig und würde keinen Unterschied machen“, betonte Benifei.

Neue Ansätze der Studie

„Wer absolviert typischerweise Freiwilligendienste?”, ging die Frage von Oonagh Aitiken von "Volunteering Matters" in eine ähnliche Richtung: „Es sind diejenigen, die das Programm bereits kennen, die von der Idee vielleicht sogar schon Mal profitiert haben.”

Deshalb seien bei "EVS4ALL" zwei unterschiedliche Ansätze verfolgt worden, um neue Wege zu gehen, erklärte Susanne Hauer von der Allianz Kulturstiftung: "Wir haben auf Multiplikatorenveranstaltungen in allen Partnerländern gesetzt und auf den peer-to-peer-Ansatz.“ Mit medienpädagogischer Unterstützung wurden über Storytelling Geschichten von Freiwilligen erzählt, sodass Organisationen diese entstandenen Videos nutzen konnten, um Ängste bei der Zielgruppe abzubauen. Das Smartphone sei unverzichtbar, wenn es darum gehe, wie man die Sichtbarkeit des EFD erhöhen könne.

Zwischen vier und acht Wochen waren die Freiwilligen im EVS4All-Pilotprojekt in Organisationen – das sei ein erster guter Ansatz, um Hürden abzubauen, erklärte Tim Velinsky vom Stuttgarter Jugendhaus. "Wir haben rund 200 ehrenamtliche Mitarbeiter – besonders im Sommer brauchen wir viele Freiwillige."

Auch während eines Kurzzeit-EFD könne man sich aktiv einbringen und intensive Erfahrungen machen, erzählte Ana-Maria Neagu, die im vergangenen Sommer im Jugendhaus voluntiert hatte: "Ich konnte in Stuttgart mein Heimatland Rumänien vorstellen, alle waren sehr neugierig wer wir Freiwilligen sind und haben oft nachgefragt", erzählt sie. "Die Sprachbarrieren waren vorhanden in den fünf Wochen, die mein EFD ging, aber ich fühle mich jetzt sicherer auch im Umgang mit Kindern", erzählt sie.

So viel sicherer, dass sie sich jetzt in Rumänien ehreamtlich einbringt. Velinsky wünscht sich noch mehr Flexibilität im Programm: Oftmals bekomme man erst über das Vertrauensverhältnis heraus, welchen speziellen Förderbedarf ein Freiwilliger hat oder was er benötige. Da wäre es wichtig auch im Nachhinein noch Dinge beantragen zu können, plädiert er.

Chance die politische Ebene zu erreichen

"Ich habe vor EVS4ALL noch nicht vom EFD gehört gehabt und somit auch nicht als Möglichkeit für Roma-Jugendliche in Betracht gezogen", erzählte Danut Dumitru vom Roma Education Fund. "Für uns wäre es wichtig, wenn der Projektmanager die Freiwilligen die ersten Tage ihres EFD begleiten könnten", erklärte er den Bedarf seiner Organisation.

Heike Zimmermann, bei JUGEND für Europa in der EFD-Förderung tätig, freute sich, dass Träger wie der Roma Education Fund durch EVS4ALL in den Europäischen Freiwilligendienst eingestiegen sind. "Wenn solche Organisationen zum EFD kommen, die mit wirklich benachteiligten Jugendlichen arbeiten, dann hat es natürlich eine große Multiplikatorenwirkung.“

Einige Forderungen in den politischen Empfehlungen von EVS4ALL sieht sie bereits umgesetzt. In der Diskussion über die Empfehlungen betonte Johannes Luchner von der Europäischen Kommission, dass im Europäischen Solidaritätskorps (ESK) auch Online-Volunteering als Möglichkeit gesehen werde, bestimmte Zielgruppen zu inkludieren: Übersetzungstätigkeiten, Datenbankarbeit oder Mentorentätigkeit seien da beispielsweise interessant. „Ziel des ESK ist es ja, 100.000 junge Menschen zu erreichen bis 2020 – und auch das sind noch lang nicht alle Menschen“, merkte er an. Der Weg bleibt lang.

Manfred von Hebel, stellvertetender Leiter von JUGEND für Europa, jedenfalls dankte den 14 Projektpartnern: "Es war eine der ersten Strategischen Partnerschaften, die wir gefördert haben, und damit auch inhaltlich ein Pilotprojekt. Danke, dass Sie sich auf dieses Abenteuer eingelassen haben.“

(Text: Lisa Brüßler für JUGEND für Europa / Foto: Bernhard Ludewig)

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Zum Hintergrund: Die Erkenntnisse der EVS4ALL-Studie

Ein Konsortium von 14 europäischen Partnern hat auf Initiative der Allianz Kulturstiftung mit 20 Jugendlichen, die zur Gruppe derjenigen mit geringeren Chancen zählen, über einen Zeitraum von zwei Jahren Kurzzeit-Freiwilligendienste evaluiert und getestet.

Gemeinsam mit nationalen Stakeholdern wurden daraus politische Empfehlungen erarbeitet, die jetzt veröffentlicht wurden.

  • Zu den Vorschlägen im Bereich "Erreichbarkeit und Flexibilität" zählen: Den Akkreditierungs-, Bewerbungs- und Reporting-Prozess besser zu moderieren und einen vereinfachten, interaktiveren und zielgruppenspezifischen Programmguide zu entwickeln.
  • Unter dem Oberthema "Kommunikation, Teilen und Netzwerken" wird vorgeschlagen, eine gemeinsame Onlineplattform zu schaffen, auf der Information und Austausch übergreifend stattfinden kann.
  • Die Feedback-Mechanismen sollten dahingehend verbessert werden, mehr Transparenz bei der Auswahl der Bewerber zu schaffen und ein peer-to-peer Mentoring auf der gemeinsamen Plattform einzuführen.
  • Unter dem Punkt "Hilfestellung" wird vorgeschlagen, Angebote beim Fremdsprachenerwerb für Kurzzeit-EFDler anzubieten und spezifische Guidelines für den Umgang mit digitalen Medien zu schaffen.
  • Unter "Förderung und Verbreitung" wird eine EU-weite Kampagne mit zivilgesellschaftlichen Akteuren empfohlen, die mit benachteiligten Jugendlichen zusammenarbeiten.
  • Verbesserungsvorschläge im Bereich "Finanzierung" beinhalten, die Kosten für das Personal während EVS-Projekten zu übernehmen, damit auch kleinere Organisationen aktiv werden können.

Link: evs4all.eu/project-results/

Das Projekt EVS4ALL wurde gefördert durch das EU-Programm Erasmus+ über die Leitaktion 2 "Strategische Partnerschaften". Mehr Informationen zum Förderformat finden Sie hier...

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