04.10.2006

(K)eine Frage des Geschlechts

26 Expertinnen und Experten aus neun Ländern diskutierten über das Thema „Gender in Focus“ in der internationalen Jugendarbeit.

An der Wand klebt ein Zeitungsausschnitt. Ein Bericht über Eva Hermans aktuelles Buch „Das Eva-Prinzip“, in der sie die Frauenemanzipation als fatalen Irrtum geißelt und eine „schöpfungsgewollte Aufteilung“ der Geschlechteraufgaben dafür rühmt, „dauerhafte Harmonie und Frieden“ ins Private zu bringen. Der Zeitungsausschnitt hängt im Haus Venusberg als Witz. Denn über die Tatsache, dass die Aufteilung der Geschlechteraufgaben weder schöpfungsgewollt ist, noch Frieden bringt, darüber sind sich alle Teilnehmenden der Tagung „Gender in Focus“ einig.

Zum Gähnen?

So viel zur vielleicht ersten Frage, warum die Deutsche Agentur JUGEND und das IKAB-Bildungswerk gerade jetzt eine Tagung zum Thema „Gender“ veranstaltet. Ist das Thema noch prickelnd? Gibt es nicht drängendere Probleme sozialer Ungleichheit? Müssen wir nicht alle gähnen bei der Rede vom „Gender-Mainstreaming“?

Wie sehr das Thema auf den Nägeln brennt – auch ohne Boulevard-Aufmacher á la Eva Herman – zeigten die Diskussionen der 26 Expertinnen und Experten aus 9 Ländern, die sich vom 11.-14. September in Bonn trafen. Vertreterinnen und Vertreter von Jugendprojekten aus Europa stellten ihre Gender-Initiativen vor. Expertinnen und Experten wie Gavan Titley aus Irland, Jürgen Budde von der Universität Hamburg, Judith Wirth von NANE, einer Frauenrechtsorganisation aus Ungarn, oder Michael Meurer von der LAG Jungenarbeit NRW brachten kulturelle, politische und soziale Definitionen und Problematisierungen in die Diskussion ein. Was als „weiblich“ oder „männlich“ gilt, so viel war klar, ist höchst abhängig vom kulturellen und sozialen Kontext, aber auch von der persönlichen Konstruktion der eigenen Identität.

Konjunktur ist immer

Dr. Gavan Titley von der National University of Ireland in Maynooth brachte es auf den Punkt, indem er eine Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO zitierte: Der Begriff „Sex“ (Geschlecht) bezieht sich auf die biologischen und physiologischen Merkmale, die Frauen und Männer definieren. „Gender“ (Geschlechterrolle) bezieht sich auf die sozial konstruierten Rollen, Verhalten, Aktivitäten und Attribute, von denen eine Gesellschaft glaubt, dass sie für Männer und Frauen angemessen sind.“

Gesellschaftliche Zuschreibungen ebenso wie daraus erwachsende politische und rechtliche Regelungen setzen immer noch enge Grenzen dessen, was als „angemessen“ akzeptiert wird. Und sie produzieren Ungleichheiten und Ungerechtigkeit. Wie konkret diese sind, davon zeugten sowohl eine Runde mit persönlichen Erfahrungen als auch eine von den Teilnehmenden erstellte „Landkarte“ zu den politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen in ihre Heimatländern. Fast überall wird Geschlechtergerechtigkeit als politisches und gesellschaftliches Ziel behauptet. Eigene biographische Erlebnisse oder Beobachtungen und Anforderungen in der Jugendarbeit zeugen jedoch davon, dass alte Problem nicht gelöst und neue hinzugekommen sind.  In allen Ländern herrschen Geschlechter-Stereotype, die zu Benachteiligungen führen. Und die Jugendarbeit mit Migrantinnen und Migranten bringt häufig die Konfrontation mit ganz unterschiedlichen Männer- und Frauenbildern, mit Problemen von Ausgrenzung und Gewalt, auch in Jugendbegegnungen im JUGEND-Prgoramm.

Gender und JUGEND

Überhaupt das JUGEND-Programm. Wie dort wird auch im Nachfolger JUGEND IN AKTION die „Förderung der Gleichstellung von Männern und Frauen“ und die „Bekämpfung von Ausgrenzung und Diskriminierung aus Gründen des Geschlechts“ als eines der Ziele genannt. Wie kann das konkret aussehen?

„Es geht weniger darum, immer 50% Jungen und 50% Mädchen als Teilnehmende in den Begegnungen zu haben“, sagt Inge Linne, in der Deutschen Agentur JUGEND verantwortlich für das Thema und die Tagung. „Es geht darum zu schauen, welche speziellen Fragen, Themen und Bedürfnisse von Jungen und Mädchen es gibt, welche Anforderungen an geschlechtsspezifische oder geschlechtsgemischte Arbeit.“

Ganz praktisch sollte die Tagung dazu dienen, Forderungen zu erarbeiten, die sich an die Planung des „Europäischen Jahres der Chancengleichheit für alle“ 2007 richten, ebenso wie an die Umsetzung des neuen Programms JUGEND IN AKTION. Projektbeispiele, praktische Hinweise, Fortbildungen und Vernetzung sollen dazu beitragen, das Thema und seine Umsetzung in der Jugendarbeit voranzubringen. Dafür wäre es hilfreich, wenn auf europäischer Ebene Kontinuität für das Thema bestünde. Im Jugendbereich aber ist diese noch Initiativen wie der in Bonn überlassen - in der Generaldirektion Bildung und Kultur gibt es keinen eigene, für das „Gender“-Thema zuständige Stelle.

Genderize it!

So wird auf der Tagung auch die Befürchtung laut, dass das Thema „Geschlecht“ im Rahmen eines allgemeinen „Diversity“-Begriffs untergehen könnte. Denn Differenzierungen sind wichtig, aber sie sind auch schwierig. Gerade deswegen will Inge Linne am Thema bleiben. „Wir haben seit 2001 „Gender“ als nationale Priorität im JUGEND-Programm und haben sehr schnell angefangen, uns als Nationalagentur im internationalen Kontext umzuschauen und Partner zu finden, die Lust haben, gemeinsam an dem Thema „Geschlechter- Chancengerechtigkeit im Jugendprogramm“ mit uns zusammenzuarbeiten.“ Dabei soll es aber nicht darum gehen, einen gemeinsamen Standard zu finden. Die wichtigste Aufgabe sei es, miteinander verschiedene Auffassungen zu klären und den Beteiligten an Jugendprojekten „die Angst zu nehmen vor dem Thema“. Es gehe vor allem darum, sensibel zu werden. So erhofft sie sich von der Tagung einen weiteren Multiplikationseffekt. Und wer nicht weiß, wie er beginnen soll, kann nachfragen. Bei der Deutschen Agentur, bei Inge Linne. Hier gibt es Informationen zu Materialien und Fortbildungen. „Gender“, so sagt sie, „ist immer ein Thema, für jede, ganz normale Jugendbegegnung.“ (Helle Becker)

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