28.02.2024

Haltung zeigen – Klare Signale gegen Rechts setzen: Jahrestagung "Fachkräfte im Blick" 2024

Die Jahrestagung Fachkräfte im Blick wird eröffnet, Foto: Susanne Klinzing, IJAB

Auf Einladung von IJAB und JUGEND für Europa kamen Ende Januar 2024 80 Fach- und Führungskräfte aus der Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere aus der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit, nach Bonn zur Jahrestagung "Fachkräfte im Blick". Johanna Adrian und Kerstin Giebel berichten im Interview, welche Themen die Fachkräfte besonders bewegen. Und sie erläutern, welche besondere Rolle das Arbeitsfeld bei der Bewältigung aktueller Krisen hat.

Die gemeinsame Jahrestagung von IJAB und JUGEND für Europa bot den teilnehmenden Fachkräften eine Plattform für den fachlichen Austausch, um das Arbeitsfeld zu stärken und öffentlich sichtbarer zu machen. Die Tagung knüpfte dabei an den Runden Tisch Fachkräftequalifizierung an, der in den letzten Jahren als BarCamp regelmäßig unterschiedliche Akteure zum Thema "Qualifizierung von Fachkräften" zusammenbrachte.

Unter dem neuen Titel "Jahrestagung" wurde diese Tradition weitergeführt und gleichzeitig der partizipative Charakter der Veranstaltung gestärkt, u.a. mit einem Markt der Möglichkeiten sowie mit thematischen Workshops.

Erstmalig war die Veranstaltung offen für Fachkräfte aus anderen deutschsprachigen Ländern: Österreich, Belgien, Lichtenstein und Luxemburg.

Kerstin Giebel, IJAB und Johanna Adrian, JfEJUGEND für Europa: Kerstin und Johanna, die Jahrestagung "Fachkräfte im Blick" habt ihr in dieser Form zum ersten Mal durchgeführt. Die Veranstaltung besitzt aber eine langjährige Geschichte: Sie führt den Runden Tisch Fachkräftequalifizierung fort, den ihr seit 2018 organisiert habt. Wie haben sich die Themen in den letzten Jahren verändert?

Johanna: Es gibt viele Themen, die seit Jahren von großer Bedeutung für das Feld sind wie zum Beispiel der digitale Wandel oder die Einbindung schwer erreichbarer Zielgruppen und damit verbunden Inklusion und Diversität. Das deckt sich mit den Programm-Prioritäten von Erasmus+ Jugend und den jugendpolitischen Zielen im Kinder- und Jugendplan des Bundes.

Darüber hinaus durchleben wir aber in den letzten Jahren viele unterschiedliche Krisen: Die Corona-Krise, die Klima-Krise sowie der andauernde Krieg Russlands gegen die Ukraine, der Konflikt in Nahost. All das hat Auswirkungen auf das Feld der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit und stellt die Fachkräfte vor immer neue Herausforderungen. Und das spiegelt sich natürlich in den aktuellen Diskussionen wider.

Kerstin: Hochaktuell ist zudem das Thema "Schutzkonzepte für die Internationale Jugendarbeit". IJAB hat bereits 2018 damit begonnen, Konzepte zur Prävention vor und dem Umgang mit sexualisierter Gewalt mit Akteuren aus der Praxis zu diskutieren. Aktuelle Ereignisse bestätigen die Notwendigkeit, den wissenschaftlich begleiteten Prozess sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene fortzusetzen. Denn sexualisierte Gewalt darf auch in unserem Arbeitsfeld kein Tabu-Thema sein.

Wir dürfen neben all den genannten Themen nicht vergessen, dass unser Arbeitsfeld auch stark von personellen Umbrüchen geprägt ist. Das liegt vor allem an der weitestgehend projektbasierten Arbeitsweise und am Zusammenspiel von haupt- und ehrenamtlich Engagierten. Das unterscheidet uns wesentlich vom kommerziellen Sektor.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Themen mehr als einmal angesprochen werden. Für manche langjährig im Feld tätige Fachkraft mag ein Thema hinreichend behandelt und abgeschlossen sein – Neueinsteiger*innen in der Internationalen Jugendarbeit hingegen brauchen Orientierung und lassen es wieder aufkommen.

Von daher ist es für uns als Leitungsteam stets ein Balanceakt, mit den ausgewählten Themen den Nerv der Zeit zu treffen und alle Akteure mitzunehmen. Ich fände es spannend, ein Thema wie Generationsübergreifendes Lernen und Wissenstransfer stärker in den Mittelpunkt zu stellen – vielleicht schon bei der nächsten Jahrestagung.

In seinem Impulsvortrag "Die Rolle der Internationalen Jugendarbeit im Kontext aktueller Herausforderungen" sprach Daniel Poli, Direktor von IJAB, von der Bedeutung des Arbeitsfeldes für Themen wie Demokratiestärkung, Bewältigung der Klimakrise oder Friedensarbeit. Was kann Internationale Jugendarbeit hier alles leisten?

Kerstin: Daniel Poli rief in seinem Vortrag dazu auf, das Arbeitsfeld der Internationalen Jugendarbeit noch stärker als Plattform für demokratische Bildung zu begreifen. Vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse auf nationaler und internationaler Ebene setzte er vier Akzente:

  1. Internationale Jugendarbeit kann und darf (muss) als Austauschraum für Frieden und Sicherheit verstanden werden. Durch die Vielfalt ihrer Formate bietet Internationale Jugendarbeit einen positiven Gegenentwurf zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die Menschen auseinandertreiben. Es geht darum, miteinander im Dialog zu stehen und eine gemeinsame Sprache zu finden.
  2. Der Klimawandel sei eine weitere globale Herausforderung, vor dem die Menschheit stehe. Die Internationale Jugendarbeit müsse dem Rechnung tragen und nachhaltige Mobilitätsangebote entwickeln, um auch zukünftige Generationen daran partizipieren zu lassen. Das Thema Digitalisierung spiele dabei eine zentrale, aber nicht die alleinige Rolle.
  3. Des Weiteren müsse die demokratische Programmatik der Internationalen Jugendarbeit gestärkt und weiterentwickelt werden: In jüngster Vergangenheit sei zu beobachten, dass rechtspopulistische Tendenzen zunehmend Raum ergreifen – ob in den USA, in Europa im Allgemeinen oder in Deutschland im Speziellen. Die Folge sind Antisemitismus, Rechtsradikalismus und damit einhergehend ein hohes Maß an Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung.
    Von daher sind Fachkräfte der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit aufgerufen, stärker als bislang Verantwortung zu übernehmen und Angebote des Arbeitsfeldes dahingehend weiterzuentwickeln, um Demokratie als wertvollstes Gut einer jeden Gesellschaft zu schützen.  
  4. Und zuletzt geht es darum, die zivilgesellschaftliche Rolle von (Internationaler) Jugendarbeit sichtbar zu machen und zu festigen. Internationale Jugendarbeit ist politische Bildungsarbeit – es geht darum, eine Haltung zu erzeugen und diese im Alltag bewusst zu leben. Und das gilt sowohl für junge Menschen als auch für die sie begleitenden Fachkräfte im Arbeitsfeld selbst.

Mit Blick auf den "heißen Herbst" und auf die bevorstehenden Wahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg, auf die Europawahl oder auch auf die Präsidentschaftswahlen in den USA und andernorts haben wir viele Gelegenheiten, Flagge zu zeigen und zum Frieden in der Welt beizutragen – auch wenn es noch so unerheblich zu sein scheint: Wir sind viele und wir haben eine friedliche Botschaft. Das zeigen Zehntausende auf den Straßen Deutschlands.

Erstmals waren dieses Jahr Fachkräfte aus Österreich, Belgien, Lichtenstein und Luxemburg dabei. Wie wertvoll war dieser grenzüberschreitende Austausch?

Johanna: Die Einbindung weiterer Akteure aus dem deutschsprachigen Ausland war eine große Bereicherung, denn wie es ein Teilnehmer treffend formulierte: "Wir bewegen uns viel zu oft in unserer deutschen Bubble und brauchen den Austausch mehr denn je."

Kerstin: Für uns als Leitungsteam war die Ausweitung der Teilnehmenden über Deutschland hinaus ebenfalls Teil des Experiments und des Ausprobierens des neuen Formats Jahrestagung. Die Evaluation hat bestätigt, dass es gelungen ist. Denn es ging genau darum, herauszufinden: Wo sind gemeinsame Schnittstellen zu unseren Partnerländern innerhalb Europas? Was können wir voneinander lernen und wie können wir den o.g. Herausforderungen noch besser und gezielter begegnen?

Internationale Jugendarbeit basiert auf dem Prinzip der Partnerschaftlichkeit und dem Perspektivwechsel – und diese gilt es ernst zu nehmen.

Mann schaut auf das Display seines handys auf dem steht: Online Evaluierung der JahrestagungWas nehmt ihr für euch als zentrale Erkenntnisse aus der Jahrestagung mit?

Johanna: Eine zentrale Erkenntnis ist, dass sich Vernetzung außerhalb des alltäglichen Kontextes immer lohnt und von den Teilnehmenden intensiv genutzt wird. Gerade die informellen Gespräche zwischen den Programmpunkten waren eine wertvolle Möglichkeit, sich auszutauschen.

Kerstin: Ich stimme Johanna vollkommen zu. Ich finde es immer ein gutes Zeichen, wenn Moderator*innen es schwer haben, Gesprächsrunden zu beenden. Das war auch bei der Jahrestagung der Fall. Obgleich das Moderationsteam sehr professionell und charmant die Fäden in der Hand gehalten hat, zeugte das Verhalten der Teilnehmenden davon, wie groß der Wunsch nach intensivem Fachaustausch ist. Und genau das war unser Anliegen - mit dem neuen Format mehr Raum für Beteiligung und Wissenstransfer zu bieten.

Johanna: Darüber hinaus wurde aus meiner Sicht sehr deutlich, dass sich viele aus dem Feld mehr politische Haltung wünschen und hierbei Orientierung suchen. Gerade vor dem Hintergrund, dass rechtspopulistische Bewegungen in ganz Europa erstarken, braucht es klare Signale aus dem Feld der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit.

Kerstin: Mich hat beeindruckt zu hören, dass Fachkräfte im Arbeitsfeld ganz bewusst auf IJAB und JUGEND für Europa schauen und sich in ihrer Alltagsarbeit durchaus an uns orientieren, beispielsweise im Kontext der Öffentlichkeitsarbeit, aber auch in Bezug auf die Themen und Inhalte unserer Qualifizierungsangebote. Das ist uns Ansporn genug, gute Qualität zu liefern und immer am Puls der Zeit zu sein.

Johanna: Auch über Digitalisierung wurde viel gesprochen, denn wie Mareike Ketelaar von IJAB es treffend formulierte: "Die Digitalisierung ist natürlich nicht vorbei – die Jugendlichen leben das!“, auch wenn wir in der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit froh sind, dass es wieder viele physische Mobilitätsprojekte gibt. Unser Referent Søren Kristensen aus Dänemark, Experte für Qualitätssicherungsprozesse von Mobilitätsprojekten, betonte in diesem Kontext, "dass digitale Mobilitäten sehr wohl etwas kosten und intensive pädagogische Begleitung brauchen." Deshalb müssen wir uns hier weiter bemühen, dass auch entsprechende Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

Ein weiteres Highlight war für mich der Workshop zum Nahost-Konflikt von Dr. Götz Nordbruch (Berghof Foundation), der uns unterschiedliche Methoden vorstellte, die ein Gespräch über diesen vielschichtigen Konflikt ermöglichen und somit wertvolle Reflexions- und Bildungsprozesse initiieren können.

Die Jahrestagung war ein Experiment, um besonders die partizipativen Inhalte der Veranstaltung zu stärken. Was denkt ihr: Ist das Experiment gelungen? Wie geht es mit dem Format weiter?

Kerstin: Für den Augenblick können wir sagen: Das neue Format hat seine Feuertaufe bestanden. Die positive Resonanz auf die Tagung freut uns sehr. Wir werden die verschiedenen Ebenen "Impulsvortrag, Markt der Möglichkeiten, Peer-Café und thematische Workshops" weiterhin nutzen, um Fachkräfte zu informieren, Austausch und Vernetzung zu initiieren und Fortbildungsinhalte zu transportieren.

Ganz sicher gibt es an der ein oder anderen Stelle Optimierungsbedarf – dem wollen wir uns stellen, denn schließlich sehen wir uns – IJAB und JUGEND für Europa – auch als lernende Organisationen. Wir werden die Anregungen der Tagungsteilnehmenden, die uns per Mail und über die Online-Evaluation erreicht haben, aufgreifen und im Vorbereitungsteam für die Ausgestaltung der Jahrestagung 2025 mitdenken.

Johanna: Die Veranstaltung war ein voller Erfolg und hat gezeigt, dass es enorm wichtig ist, die Bedarfe der Teilnehmenden abzufragen und zu berücksichtigen. Sowohl das Peer-Café als auch der Markt der Möglichkeiten kamen sehr gut an und machten deutlich, dass die Teilnehmenden selbst die wichtigsten Ressourcen der Veranstaltung waren.

Von daher möchten wir allen, die dabei waren – egal in welcher Rolle – ganz herzlich danken.

Wenn jemand Interesse an dem Thema hat, wo sind die Inhalte und Ergebnisse der Jahrestagung nachzulesen?

Johanna: Das Padlet zur Veranstaltung stellt alle Materialien zur Verfügung und ist abrufbar unter: Jahrestagung 2024 "Fachkräfte im Blick" (padlet.com)

Darüber hinaus lohnt sich immer ein Blick auf die Webseiten von JUGEND für Europa und IJAB, wo fortlaufend Angebote zur Qualifizierung und zum Fachkräfteaustausch in Deutschland und weltweit eingestellt werden. Denn wie heißt es so schön: "Man* lernt nie aus". In diesem Sinne freuen wir uns schon jetzt auf ein Wiedersehen im Frühjahr 2025. Wir halten Sie und euch auf dem Laufenden. 

Für weitere Fragen und Anregungen kontaktieren Sie bitte die folgenden Ansprechpartnerinnen:

(Das Organisationsteam mit ModerationJUGEND für Europa / Fotos: Susanne Klinzing, IJAB)