02.08.2022

"Ich hoffe, dass sie mir irgendwann ihre Heimat zeigen können, nachdem ich ihnen geholfen habe, in meiner zurecht zu kommen"

Das Bild zeigt Franziska und drei junge Menschen.

Mit dem Europäischen Solidaritätskorps ging Franziska im Oktober 2021 in die Ukraine. Nach diversen vorherigen Auslandsaufenthalten wollte sie in der Universitätsstadt Winnyzja noch einmal eine neue Kultur und eine neue Sprache kennenlernen. Doch dann begann der russische Angriffskrieg. Hier schildert Franziska ihre Erlebnisse in der Ukraine und berichtet, wie sie anschließend ihren Freiwilligendienst in Deutschland fortgesetzt hat: als Helferin für ukrainische Geflüchtete.

Ich heiße Franziska und komme aus Deutschland, vom schönen Bodensee. Dort wollte ich aber früh nur weg, zuerst für das Umweltinformatik-Studium nach Berlin. Danach habe ich mit Weltwärts einen Freiwilligendienst in Benin, Westafrika gemacht. Dabei habe ich schon viel lernen können.

Im nächsten Studium zog es mich mit Erasmus+ nach Frankreich und danach bin ich mit dem Europäischen Solidaritätskorps (ESK) in die Ukraine gegangen. Meine Entsendeorganisation war NaturKultur aus Bremen. Die Freiwilligenarbeit habe ich vermisst, ich wollte eine slawische Sprache lernen, und dachte der Austausch mit Ländern, die noch nicht in der EU sind, ist sinnvoll. Und so bin ich schnell in Winnyzja, einer schönen Unistadt in der Zentralukraine, und dort in der NGO Pangeya Ultima, die zu einer Familie für mich wurde, gelandet.

Kontakte und Angebote für junge Menschen in Winnyzja etablieren

In Winnyzja waren meine Aufgaben vielfältig. Einmal die Woche habe ich einen Deutschkurs mit meinem Mit-Freiwilligen Juliusz veranstaltet, in dem wir uns viel mit der deutschen Kultur beschäftigt haben. An einigen Wochenenden waren wir im Dorf Stina und haben dort verschiedene Arbeiten am EcoCenter von Pangeya Ultima erledigt. Das war aufschlussreich, da sich auch in der Ukraine das Leben auf dem Land sehr vom Stadtleben unterscheidet.

Außerdem habe ich am Interkulturellen Magazin “Mozaika” mitgewirkt, und auf verschiedenen Wegen die Möglichkeiten der Erasmus- und ESK-Welt verbreitet. Mit meinem Mit-Freiwilligen David konnten wir den Pangeya-Youth-Club etablieren. Hier haben wir uns regelmäßig mit jungen Leuten aus Winnyzja getroffen. Wir haben gespielt, gequatscht und gelacht, und es so den jungen Leuten in Winnyzja ermöglicht, auf spielerische Art und Weise Gebrauch von ihren Englisch-Kenntnissen zu machen.

Neue Realitäten kennenlernen und Perspektiven wechseln

Im Februar haben wir den 10. Geburtstag von Pangeya Ultima gefeiert. Mit Juliusz und anderen haben wir in dieser Zeit ukrainische Volksmusik eingeübt und an diesem Abend ein Lied aufgeführt. Es war eine schöne große Feier mit vielen Gästen. In der westlichen Presse gab es zu diesem Zeitpunkt schon viele Warnungen zur Sicherheit in der Ukraine. Das wollte vor Ort jedoch niemand wahrhaben, alle waren an Provokationen von russischer Seite gewöhnt.

Schnell habe ich in der Ukraine einen anderen Zugang zur Thematik (Bürger-)Krieg bekommen. Auch wenn Winnyzja weit weg von der Front lag, war das Thema doch präsent und ich habe gelernt, es aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. In Deutschland wird Nationalstolz aufgrund unserer Geschichte ganz anders betrachtet als in der Ukraine.

Mit Beginn des Kriegs durch den Einmarsch von Russland habe ich mit anderen Freiwilligen das Land schnell verlassen. Das war im Voraus aus Vorsicht mit Pangeya Ultima wie auch mit NaturKultur in Deutschland geplant worden, und ich wurde in dem Moment auch von beiden Seiten bestmöglich unterstützt. Der Krieg hat für mich vieles auf den Kopf gestellt. Dass so etwas im Europa des 21. Jahrhunderts passieren könnte, war für mich unvorstellbar. Aber ich war schnell in Sicherheit und habe mir „nur“ um Freunde, nicht aber um meine Familie Sorgen machen müssen. Das Leid der Ukrainer*innen ist unvorstellbar.

Freiwilligendienst in Deutschland weiterführen für Geflüchtete

Wieder bei meinen Eltern am Bodensee angekommen habe ich meinen Freiwilligendienst fortgeführt, nun in der Hilfe für Geflüchtete. Wenn ich meinen Freunden vor Ort schon nicht helfen konnte, dann immerhin ihren Landsleuten, die es in meine Heimat verschlagen hat.

Meine neue Aufgabe war, wie schon zuvor, Deutsch zu unterrichten. Nun aber in einem ganz anderen Kontext, auch wenn der größte Teil meines Publikums wieder Ukrainer*innen waren. Außerdem habe ich in einer Grundschulvorbereitung für geflüchtete Kinder aus Syrien und Afghanistan geholfen. Hier haben mir meine Grundkenntnisse in Ukrainisch nichts gebracht, und ich habe mich in Kommunikation durch Hände, Füße und Zeigen/Vormachen geübt.

Bald habe ich auch im wöchentlichen Ukraine-Café von der Caritas Konstanz mitgemacht. Hier habe ich im Café-Betrieb geholfen, je nach Bedarf aber auch den Integrationsmanager*innen konkret beim Anträge-Ausfüllen geholfen. Ich habe von meinen Kolleg*innen einen guten Einblick bekommen, was die Menschen bei der Ankunft alles tun und vor allem, welch eine Bürokratie-Hölle sie durchlaufen müssen.

Außerdem konnte ich einigen Ukrainer*innen mit kleinen Diensten helfen (zum Beispiel mit der Organisation eines Arzttermins, mit der Vermittlung von Adressen, bei denen es günstig Kleidung und Dinge des täglichen Bedarfs gibt, oder bei der Kommunikation auf eBay Kleinanzeigen).

Sich weiter engagieren, auch nach Abschluss des ESK

All diese neuen Erkenntnisse habe ich gut gebrauchen können, als ich mein Engagement in meinem Dorf auf der Insel Reichenau fortgeführt habe. Dort habe ich im Rathaus mit meinen Sprachkenntnissen helfen können und daraus haben sich einige Kooperationen entwickelt. Ich habe durch einen Aufruf in der Lokalzeitung einige ehrenamtliche Sprachhelfer*innen gefunden, mit denen wir einen einfachen Deutschkurs etablieren konnten.

Das war ein erster Erfolg, wodurch ich dann auch eine Deutschlehrerin gefunden habe, die nun in Kooperation mit der VHS einen Integrationskurs im Rathaus Reichenau macht. Dies ist eine große Erleichterung, da der Weg mit dem ÖPNV zur nächsten Stadt, in der Deutschkurse angeboten werden, wirklich kompliziert für die Geflüchteten ist. Hier möchte ich mich noch einmal bei allen Freiwilligen auf der Reichenau bedanken, ohne euch wäre das alles nicht möglich gewesen. Durch die ersten Deutschkurse haben sich auch schon erste Freundschaften gebildet und die Integration in die Vereine vor Ort beginnt ebenfalls.

Bei meiner Arbeit in Deutschland wusste ich oft nicht, was jetzt ein guter nächster Schritt ist. Also habe ich viel Verschiedenes versucht, sehr proaktiv gehandelt, und auch wenn nicht alles geklappt hat, was ich mir vorgestellt habe, konnte ich doch einiges bewirken.

Eine lehrreiche Erfahrung: Durch Freiwilligenengagement sich und das eigene Land kennenlernen

Insgesamt habe ich mehr gelernt als ich aufzählen könnte, aber hier ein kleiner Einblick:

  • Deutsch unterrichten (auf niedrigem Niveau)
  • Ukrainisch verstehen und sprechen (kein hohes Niveau, war aber dennoch sehr hilfreich)
  • Ich habe mich intensiv mit der Bürgerkriegs- und Kriegsthematik auseinandergesetzt und habe alte Denkmuster verworfen.
  • Ich habe einen Einblick in die ukrainische Lebensrealität bekommen und in den Umgang mit ihrer sowjetischen Geschichte, sowie mit ihrer Geschichte insgesamt als von verschiedenen Seiten ausgebeutetes und kolonialisiertes Land.
  • Ich habe einen Einblick in Themen der Nachhaltigkeit in der Ukraine erhalten: z.B. Umgang mit Müll, erneuerbaren Energien und illegaler Abholzung.
  • Ich habe die Möglichkeiten von aktiver Bürgerschaft erfahren: was wird in der Gesellschaft benötigt, und wie kann ich etwas beitragen.
  • Ich habe proaktives Handeln eingeübt, u.a. in dem ich verschiedene Institutionen für Kooperationen angefragt habe.
  • Ich habe einen Einblick in die deutsche bürokratische Welt der Asylbewerbung/ Aufenthaltsgenehmigung/ Sozialleistungsbeantragung sowie in die Richtlinien für BAMF-finanzierte Integrationskurse bekommen.
  • Ich habe Aufrufe zur Mithilfe gestartet und gelernt, wie ich dafür entsprechende Mittel (Lokalzeitung) nutzen kann.
  • Und letztendlich: Ich habe gelernt, Motivation zu finden in Situationen, in denen ich mich unglaublich hilflos fühlte.

Für den Freiwilligendienst im Europäischen Solidaritätskorps hatte ich mich beworben, weil ich vor allem wieder ins Ausland gehen und eine neue Sprache lernen wollte. Nun bin ich froh, den Dienst in Deutschland weitergeführt zu haben. Ich konnte so einen intensiven Einblick in die Situation von Geflüchteten bekommen, die frisch in Deutschland ankommen.

Es war teils schön zu sehen, welche Infrastruktur hier schon bestand (meist seit 2015), teils aber auch erschreckend, was alles nicht abgedeckt ist und mit wie vielem die Menschen allein gelassen werden. Außerdem war jegliches Engagement immer schwierig vor dem Hintergrund einer 2-Klassen-Struktur zwischen den Geflüchteten aus der Ukraine und den Geflüchteten aus anderen Ländern.

Auch wenn ich niemandem ein so turbulentes Jahr wie mein letztes Jahr wünsche, würde ich doch jedem einen ESK-Freiwilligendienst empfehlen. Man lernt nicht unbedingt das, was man vorher erwartet, man erweitert eher seinen Horizont so stark, dass man danach in der Lage ist, noch viel wertvollere Fragen zu stellen als zuvor.

Die Ukraine fest im Herzen

In der Ukraine war es mir im Winter zu kalt zum Reisen, sodass ich außer Winnyzja und Stina nur einen kleinen Teil von Kiev gesehen habe. Lwiw, Charkiw, Odessa, Mariupol und so viele andere Städte und Regionen, die ich im Sommer bereisen wollte, sind jetzt unerreichbar, teils schwer zerstört.

Mit meinen vielen neuen ukrainischen Bekanntschaften hoffe ich, dass wir uns eines Tages in ihren Heimatstädten wiedersehen können. Und dass sie mir dann ihre Heimat zeigen können, nachdem ich ihnen geholfen habe, in meiner Heimat zurecht zu kommen. Dass die Ukraine jetzt nur noch mit Krieg und Leid verknüpft wird, ist traurig, wo ich doch eine so wundervolle Zeit in diesem riesigen, wunderschönen und vielseitigen Land verbringen durfte.

Слава Україні!

(Franziska Bärthele für JUGEND für Europa)

Franziska ist 25 Jahre alt und kommt von der Insel Reichenau, am Bodensee. Ihren Freiwilligendienst leistete sie von Oktober 2021 bis August 2022.