16.09.2020

"Es ist kein Problem, Jugendliche zu motivieren"

Silke DustWie kann das Europäische Solidaritätskorps so weiterentwickelt werden, dass Freiwilligendienste für alle Jugendlichen zugänglich sind? Das war die Ausgangsfrage mit der die Strategische Partnerschaft "Europa für alle" 2018 startete. Wie es gelingen kann, mehr Jugendlichen mit Zugangsbenachteiligungen europäische Lernerfahrungen zu ermöglichen, berichtet Silke Dust von der Jugendakademie Walbergberg im Interview.

JUGEND für Europa: Frau Dust, für alle, die "Europa für alle" nicht kennen –  was war das Ziel der Strategischen Partnerschaft, die im März 2020 zu einem Ende gekommen ist?

Silke Dust: Die Partnerschaft haben wir als Jugendakademie Walberberg 2018 mit drei europäischen Partnern begonnen. Die Organisationen "Achieve More" aus Glasgow/Schottland, "Asociation Inspiration" aus Ruse/Bulgarien und "Porta Nuova Europa" im italienischen Pavia hatten alle bereits grundsätzliche Erfahrungen im internationalen Freiwilligendienst – auch mit dem Europäischen Solidaritätskorps (ESK).

Was die Arbeit mit Jugendlichen mit Zugangsbenachteiligungen angeht, sind die Schwerpunkte sehr unterschiedlich: Mit Achieve More hatten wir einen Partner dabei, dessen Jugendliche in sehr prekären Familienverhältnissen leben, während der bulgarische Partner auf dem Land, an der Grenze zu Rumänien sitzt, wo es sehr viel Abwanderung gibt. Der italienische Partner arbeitet vor allem mit arbeitslosen Jugendlichen.

Das Ziel war es, Gelingensbedingungen zu untersuchen, wie ESK-Projekte auch für Jugendliche mit verschiedensten Zugangsbenachteiligungen (wie mit einer Behinderung oder mit einem fehlenden Schulabschluss) durchgeführt werden können. Wissenschaftlich begleitetet wurde die Partnerschaft von der Technischen Universität Köln.

Ihre Abschlusskonferenz "Europe for all!? Rethinking (international) Volunteering" Anfang März fiel ausgerechnet mitten in den Ausbruch der Corona-Pandemie. Wie sind Sie damit umgegangen?

Sehr schade war, dass die internationalen Partner nicht dabei sein konnten! Der italienische Partner hat seinen Sitz in der von Corona sehr stark betroffen Region Lombardei und auch die anderen beiden Partner konnten nicht mehr ausreisen. Auch das digitale Teilhaben an der Konferenz war nicht einfach, weil alle in Notfall-Situationen steckten und viele ihrer Freiwilligen in die Heimat holen mussten. Einige internationale Freiwillige waren aber noch bei uns in der Jugendakademie und auch andere Freiwilligendienst-Organisationen, Wissenschaftler und Mitarbeiter von Nationalen Agenturen waren vor Ort.

Was hat sich dort gezeigt?

Es konnten verschiedene Stränge der Strategischen Partnerschaft nicht nur vorgestellt, sondern auch weitergedacht werden. Unser Projekt hat Vielen als Inspirationsquelle gedient und wir haben die Projektergebnisse weiterdenken können – insbesondere im Bereich der Vernetzung von kommunaler mit internationaler Jugendarbeit anhand eines Projekts der Stadt Wiesbaden.

Die TH Köln hat einen Workshop gegeben dazu, wie mit Labeling-Prozessen im Rahmen von ESK-Projekten umgegangen werden kann. Auch ging es um nachhaltige Projektstrukturen, den EU-Jugenddialog und insbesondere darum, wie Jugendpartizipation für politische Beteiligungs- und Entscheidungsprozesse genutzt werden kann.

Bleiben wir mal bei der Begrifflichkeit "Benachteiligung". In welchen Kontexten ist es wichtig, darauf hinzuweisen und gleichzeitig kein "Schubladendenken" aufzumachen?

Das ist immer ein Spagat zwischen der Ansprache der Jugendlichen und den Förderstrukturen. Im Antragswesens ist es derzeit noch notwendig, die Benachteiligungen zu benennen, um Gelder für erhöhten Unterstützungsbedarf zu erhalten Auch in der politischen Lobbyarbeit ist es wichtig, Benachteiligungsstrukturen klar zu beschreiben, um auf diese aufmerksam zu machen und immer wieder darauf hinzuweisen, dass die meisten Jugendlichen – unabhängig von ihrer Schulbildung, ihren Elternhäusern und auch ihrer finanziellen Situation – Interesse an europäischen Mobilitätsprogrammen haben.

Ein Teil der Ergebnisse des Projekts hat auch Eingang in die Verhandlungen zum neuen Förderprogramm gefunden.

Viele Teilnehmer des Projekts meldeten zurück, dass die Zugangshürden zu "Europa für alle" gar nicht so hoch waren. Lag das vor allem an den Unterstützungsstrukturen?

Ja, das lag sicher an dem Konzept des regionalen Ansatzes. Viele der Jugendlichen, die an "Europa für alle" teilgenommen haben, hätten sich nicht selbst online eine Entsendeorganisation gesucht, einen Lebenslauf geschrieben oder sich bei einem Bewerbungsgespräch dort vorgestellt. Das sind alles bereits Hürden und Ausschlussmechanismen!

Aber alle Jugendliche standen bereits vorher im Kontakt zu Jugend- und Sozialarbeitern und das blieb während des Freiwilligendiensts sowie in der Vor- und Nachbereitung auch so. Ob diese Jugendlichen einen Freiwilligendienst machen, hängt nicht von Faktoren wie Bildung oder Sprachkenntnissen ab, sondern maßgeblich von den Unterstützungsstrukturen.

Wie sah das denn praktisch aus, die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie sind, und gleichzeitig die Internationalisierung von lokaler Jugendarbeit voranzutreiben?

Nehmen wir den GFO Klostergarten in unserem Nachbarort Merten: Dort sind verschiedene soziale Einrichtungen zu einem Verbund zusammengefasst, die versuchen, Synergien zu schaffen und gute Quartiersarbeit zu machen. Unsere Partnerorganisationen haben den Ort bei einem internationalen Netzwerktreffen kennengelernt und konnten sich einen Eindruck verschaffen, für welche Jugendlichen es ein idealer Projektort für den Gruppen- oder Langzeitfreiwilligendienst sein könnte.

Im Rahmen des Gruppenfreiwilligendienstes gab es am Ende ein Picknick für die lokale Gemeinschaft, bei dem der Dienst den Jugendlichen aus dem Ort vorgestellt wurde. Denn trotz der Nähe zu Köln und Bonn sind internationale Freiwilligendienstprojekte dort für viele Jugendliche Neuland.

Ist das der effektivste Weg, um einen solchen Dienst attraktiv zu machen?

Ja, wir haben im Projekt die Erfahrung gemacht, dass es sehr hilfreich ist, wenn Jugendliche, die einen ähnlichen Hintergrund haben, auf ihresgleichen zugehen – auch weil sie ähnliche Hürden haben, überhaupt an einem Freiwilligendienst teilzunehmen.

Es ist eine Art Jugendnetzwerk entstanden bei dem Projekt, durch das die Jugendlichen aus den Partnerorganisationen die Ergebnisse wieder in ihre Heimatorte zurücktragen und als Coaches fungierten. Gleichzeitig haben diese Peer-Coaches auch an den internationalen Teamtreffen teilgenommen und ihre Erfahrungen, Bedürfnisse und Ideen in die weitere Projektplanung eingebracht.

Die internationale Projektgruppe der Strategischen Partnerschaft "Europa für alle"Ist für die Arbeit mit benachteiligten Zielgruppen bei den Organisationen mehr Flexibilität notwendig, weil vieles erst deutlich wird, wenn die Jugendlichen vor Ort sind?

Nein, diese Herausforderung hat jede Organisation, die mit Freiwilligen arbeitet. Das Problem potenziert sich jedoch, wenn man vor Projektbeginn für einen Freiwilligenplatz hypothetische Förderbedarfe beschreiben muss, beispielsweise für eine Assistenz oder für eine erhöhte psychosoziale Begleitung, und dann einen Jugendlichen findet, der einen ganz anderen Förderbedarf hat oder ein anderes Format benötigt.

Es braucht meines Erachtens andere Förderstrukturen, das heißt, dass man eine Summe X bekommt und einen jährlichen Mittelabruf machen kann und selbst entscheidet, für welche Projekte welche Mittel gebraucht werden – das würde sehr viel Druck heraus nehmen.

Die Finanzierung ist also weiter ein großes Thema für Sie?

Es wäre wünschenswert, dass Kurzzeit- und Gruppenfreiwilligendienstprojekte mit deutlich mehr Mitteln ausgestattet werden als Langzeitprojekte, weil die Arbeit in der Vor- und Nachbereitung so hoch ist wie bei Langzeitprojekten, sich dieser Aufwand aber erst bei Langzeitprojekten auszahlt. Insbesondere diese Formate sind jedoch sehr attraktiv, um in europäische Freiwilligendienstprogramme hineinschnuppern zu können. Das muss sich also ändern, denn nicht die Jugendlichen sind das Problem, sondern die Strukturen.

Es ist kein Problem, Jugendliche zu motivieren – wenn die einmal dabei sind, wollen viele an weiteren Formaten teilnehmen. Die Strategische Partnerschaft hat gleichzeitig sehr viele Ressourcen gefressen und wir mussten Mittel zusätzlich akquirieren – das ist für kleine Träger, oder solche, die nicht schon lang dabei sind, natürlich nicht so einfach möglich.

Und wie geht es jetzt weiter mit der Partnerschaft?

Wir werden im Herbst ein digitales Auswertungstreffen machen. Für 2021 haben wir schon einen Gruppen-Freiwilligendienst und einige Einzel-Freiwilligendienste geplant. Wie wir im Bereich der Strategischen Partnerschaften weitermachen, das werden wir im neuen Programm schauen – Anknüpfungspunkte sind ausreichend vorhanden, auch wenn die internationale Netzwerkarbeit aufgrund von Corona sehr ausgebremst ist und es das Gebot der Stunde ist, flexibel auf die sich ständig wandelnden Bedingungen zu reagieren.

Diese Flexibilität konnten wir uns von den vielen Jugendlichen, mit denen wir gearbeitet haben, immer wieder abschauen, denn manche von ihnen sind ganz andere Lebensbedingungen gewohnt.

(Das Interview führte Lisa Brüßler im Auftrag von JUGEND für Europa.)

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Weiterführende Informationen

Link: Mehr über Projekt "Europa für alle" mit seinen Ergebnissen und Empfehlungen erhalten Sie auf der Seite: www.europeforall.net

Link: Alle Informationen zum EU-Programm Europäisches Solidaritätskorps erhalten Sie auf unserer Programmseite: www.solidaritaetskorps.de/