04.11.2019

Gelebte Inklusion: "Sensibel sein für die Bedürfnisse anderer Menschen"

Franziska Koch von bezev, Bild: Lisa Brüßler

"Kann ich trotz meiner Beeinträchtigung ins Ausland gehen?" Das ist eine der Fragen, die Franziska Koch jeden Tag hört. Sie berät im Verein Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V. (bezev) in Essen zu Auslandsaufenthalten und hat täglich mit dem Thema gelebte Inklusion zu tun.

JUGEND für Europa: Frau Koch, warum sind Sie hier beim europäischen Partnerkontaktseminar "Inclusion matchmaking" dabei?

Franziska Koch: Ich bin hier, um zu sondieren, wer im Bereich Europa und Inklusion tätig ist. Wir haben aber auch eine Gruppe von selbstvertretenden Jugendlichen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen, die selbst Freiwillige in verschiedenen Programmen waren.

Woran arbeitet diese Gruppe?

Diese zehn Jugendlichen nennen sich "People for Inclusion" und arbeiten daran, zukünftige Freiwillige zu empowern sowie Organisationen zum inklusiven Arbeiten zu ermutigen. Sie könnten sich auch vorstellen, ein europäisches Projekt zu starten, sodass ich auch hierfür die Ohren offen halte.

Gleichzeitig haben wir als Organisation ein spezifisches Vorhaben, wofür ich gerne Kontakte und Ideen zur Finanzierung gewinnen würde.

Worum geht es da genau?

Wir denken über eine Art digitales Ressourcencenter (eine App oder Webseite) nach, in dem relevante Informationen zum Bereich Jugendaustausch und Freiwilligendienst für Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen, aber auch für andere Akteure gesammelt verfügbar sind. Zum Beispiel Infos über barrierefreie Unterkünfte, über Verdolmetschungen in den verschiedenen Ländern oder zu länderspezifischen Ansprechpartnern im Bereich Inklusion.

Wichtig wäre, dass die App nicht nur etwa für motorische Einschränkungen aufbereitet ist, sondern größer gefasst ist. Es wäre toll, wenn sie auf der open source-Technologie basiert, damit die Karte erweiterbar ist.

Wie ist denn die Frage überhaupt aufgekommen, dass so etwas nötig wäre?

Die Jugendlichen melden regelmäßig zurück, dass es zu wenige hochwertige Informationen gibt. Wir beraten als Fachstelle für inklusives Auslandsengagement bundesweit Jugendliche und Organisationen und helfen mit Erfahrungen und Kontakten. Zum Beispiel wenn bei einer inklusiven Jugendbegegnung die Frage aufkommt, wo man in der Ukraine einen Gebärdendolmetscher herbekommt.

Oft wiederholen sich auch Fragen, sodass so ein Tool toll wäre, um die Informationen zu konzeptualisieren und weiterzugeben. Es ist eigentlich fast schon eine öffentliche Aufgabe, diese Informationen bereitzustellen und aktuell zu halten. Damit würden wir uns, was die Basisinformationen angeht, ein Stück weit überflüssig machen und uns so auf spezifischere Anfragen konzentrieren.

Was gibt es bei inklusiven Begegnungen aus Ihrer Sicht für Herausforderungen?

Dass sich etwa Gehörlose und Blinde austauschen, ist natürlich möglich, aber es braucht kreative Wege. Wenn wir zum Beispiel über Gruppenprojekte sprechen ist es oft so, dass Menschen mit Beeinträchtigungen, genauso wie Menschen ohne Beeinträchtigungen, nicht für die Bedürfnisse anderer Menschen sensibilisiert sind. Sie kennen ihre eigene Gruppe gut und wollen sich austauschen. Gleichzeitig kennen sie aber andere Formen von Beeinträchtigungen kaum.

Da ist es unser aller Aufgabe, den Blick zu weiten und auch deutlich zu machen, dass man nicht jede Beeinträchtigung unbedingt sieht. Meinem Eindruck nach, sind viele noch sehr mit sich selbst beschäftigt. Vielleicht sind die Einzelnen aber auch noch nicht empowert genug, als dass sie schon auf andere Leute schauen können.

bezev hat seinen Schwerpunkt auf inklusiver und entwicklungspolitischer Bildung. Woran arbeiten Sie speziell?

Ich berate Interessierte jeden Alters mit Beeinträchtigung oder Behinderung, die Auslandserfahrung sammeln wollen. Wir entsenden auch selbst. In diesem Jahr haben wir zum Beispiel den ersten Freiwilligen, der eine 24-Stunden-Assistenz braucht, nach Mexiko-Stadt entsendet. Da muss viel geklärt werden, was die Unterkunft und Einsatzstelle angeht, aber zum Beispiel auch wie der Pool von Assistenzen aussieht.

Was für Fragen tauchen in der Beratung vor allem auf?

Die erste Barriere ist, überhaupt die Information zu bekommen. Viele wissen gar nicht, dass sie auch an den Programmen teilnehmen dürfen und es sogar spezielle Unterstützungsangebote gibt. Man muss sich klar machen, dass die Menschen, die anrufen, immer Exklusionserfahrungen gemacht haben und erwarten, dass ihre Beeinträchtigung ein Hindernis ist. Die allergrößte Barriere ist aber, dass nicht alle Förderprogramme so ausgelegt sind, dass jeder teilhaben darf, soll oder müsste.

Erasmus+ und das Europäische Solidaritätskorps sind im Vergleich dazu schon sehr inklusiv und schaffen das auch zu kommunizieren. Aber es ist trotzdem schwierig, weil die Kosten für besondere Bedarfe bei der Zielgruppe einfach schnell explodieren. Ich habe das Gefühl, es arbeiten noch viel zu wenige Organisationen wirklich inklusiv.

Auch, weil das mehr organisatorischen Aufwand bedeutet?

Ja, Menschen ohne Beeinträchtigungen müssen sich vor und während des Aufenthalts viel weniger Gedanken um Details machen. Viele der Menschen, die ich berate, wollen von Anfang an wissen, was barrierefrei ist, ob sie vom Flughafen abgeholt werden, wo Medikamente im Land verfügbar sind, usw.

Manchmal müssen sich die Organisationen aber zum Beispiel auch darum kümmern, dass etwa ein Psychologe als back-up mitläuft. Was die Jugendlichen angeht, habe ich den Eindruck: wenn sie im Ausland sind, dass dann die Beeinträchtigung nicht mehr so ein großes Thema ist. Die Probleme, die auftauchen, unterscheiden sich kaum von denen, die andere Freiwillige auch haben: Heimweh, Liebeskummer oder der Kulturschock.

Und wie erreichen Sie Ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer?

Meist finden uns die Menschen, aber wir gehen auch in Schulen und auf verschiedene Messen. Das, was uns zum Beispiel mehr Beratungen beschert, ist eine Videokampagne, bei dem empowerte Jugendlichen mit Beeinträchtigungen über ihre Zeit im Ausland sprachen und die Botschaft gesetzt haben: "Auch du kannst genau das machen!". Immer wenn wir solche Videos auf den Kanälen zeigen, ist mein Postfach danach voll, weil sich die Menschen davon angesprochen fühlen.

(Das Interview führte Lisa Brüßler im Auftrag von JUGEND für Europa / Foto: Lisa Brüßler)

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Weiterführende Informationen

Link: Mehr Informationen zur Arbeit von bezev erfahren Sie hier...

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