26.10.2019

comeback 2019 ESK - "Schutzimpfung gegen Nationalismus"

comeback 2019. Im Bild zu sehen ist der Hessische Staatsminister für Europaangelegenheiten Mark Weinmeister im Interview mit dem Moderator Carsten Umerlecomeback 2019 - Interview Hessischer Staatsminister für Europaangelegenheiten Mark Weinmeister

Was macht eigentlich ein Staatssekretär für Europaangelegenheiten? Mark Weinmeister (CDU) hat dieses Amt seit Januar 2014 in Hessen inne. Der Politiker ist aber auch in Kassel geboren und kam zum zweiten Tag des comeback 2019, um mit den Jugendlichen über Solidarität ins Gespräch zu kommen.
 

JUGEND für Europa: Herr Weinmeister, was macht eigentlich ein Staatssekretär für Europafragen?

Mark Weinmeister (CDU): Meine Aufgabe ist es, die Interessen unseres Bundeslandes in Brüssel zu vertreten und die Entwicklungen und Auswirkungen für Bürger aus Hessen im Blick zu haben. Wir sind also quasi eine Lobbyvereinigung für Hessen bei den europäischen Institutionen. Wir haben darüber hinaus aber auch Partnerschaften, zum Beispiel mit Italien, Frankreich und Polen innerhalb der Europäischen Union, und mit der Türkei, Russland und Wisconsin in den USA. Bei den europäischen Partnern bin ich dafür zuständig, die Partnerschaften mit Leben zu füllen. Letztendlich geht es darum, Projekte zu finden und Menschen zusammenzubringen, um zu schauen, wie das, was wir jeweils wissen, gemeinsam genutzt werden kann. Außerdem bin ich einer von 350 Vertretern im Ausschuss der Regionen, dem Gremium der regionalen Vertreter aus den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union.

Was bedeutet denn Europa für Sie in einem Satz?

Für mich bedeutet Europa, dass es Menschen, die sich vorher über die Jahrhunderte bekämpft haben, schaffen, friedlich miteinander zu leben und gemeinsam ihre Zukunft zu gestalten.

Kennen Sie denn das Europäische Solidaritätskorps (ESK) und das Vorgängerprogramm, den Europäischen Freiwilligendienst?

Wenn man so wie ich mit Europa befasst ist, kennt man natürlich das Wort, den Begriff. Bis heute habe ich aber noch nie einen ESK-Freiwilligen kennengelernt- und jetzt gleich 220 auf einmal! Ich freue mich über den direkten Kontakt, bislang hatte ich mehr mit Erasmus-Studenten und Auszubildenden zu tun, die ins europäische Ausland gekommen sind. Erst gestern habe ich einen jungen Mann getroffen, der sich zum Elektroinstallateur ausbilden lässt und einen Teil seiner Ausbildung in Irland verbracht hat – das sollten noch mehr Menschen machen.

Warum halten Sie persönlich den europäischen Austausch denn für wichtig?

Wir können Europa nur positiv gestalten, wenn wir Menschen zusammenbringen. Natürlich können wir Verträge abschließen und neue Programme auflegen, aber am Ende wird das Projekt Europa nur klappen, wenn die Menschen merken, dass es einen persönlichen Mehrwert für sie hat und sie Europa auch spüren, fühlen und erleben. Nur auf der rationalen Ebene zu argumentieren, ist schlichtweg zu wenig. Wer als junger Mensch in Europa unterwegs ist, ist wie bei einer Schutzimpfung gegen Nationalismus geschützt. Ich selbst habe meinen ersten Austausch als Schüler nach Frankreich gemacht, und das hat mich, obwohl es nur zehn Tage waren, sehr geprägt. Es ist schön, zuhause zu sein, aber es ist auch spannend, zu sehen, wie das andere machen.

Was denken Sie denn, wo das Projekt Europa in 20 Jahren steht?

Ich glaube, dass wir als Europäer sehr genau wissen, dass unser Lebensmodell mit Demokratie, Freiheit, Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Toleranz nicht per se für immer gelten wird – vor allem, wenn wir die Staaten um uns herum betrachten. Drei Viertel der Staaten sind in einer Verfassung, in der ich persönlich nicht leben will. Ich denke, wir merken in Europa, dass wir nur zusammen gut arbeiten können – trotzdem sind die nationalen Egoismen sehr groß. Meine Hoffnung ist, dass wir diese weiter überwinden und die Menschen in 20 Jahren zumindest wissen, dass wir es allein nicht schaffen.

Welche Rolle können denn junge Menschen dabei spielen?

Ich möchte, dass junge Menschen sich für das interessieren, was um sie herum passiert. Es ist wichtig, sein Leben zu gestalten und sich nicht zurückzulehnen, sondern sich aktiv zu kümmern. Deshalb wünsche ich mir, dass junge Menschen ihre Ideen einbringen und sie vermitteln. Denn die Jugendlichen hier sind alle Informations-, Wissens- und Motivationsträger für das Europäische Solidaritätskorps.

(JUGEND für Europa)