27.07.2011

Jugendbegegnung - Die 3 ½ Tage-Performance

Köln, Ende Mai 2011: 50 junge Künstler aus neun Nationen haben nicht einmal eine Woche Zeit, um eine zweistündige Performance aus Tanz, Gesang, Poetry Slam und Video-Kunst auf die Beine zu stellen. Lediglich das Thema "Zeit" steht fest, bevor sich die Nachwuchstalente zum ersten Mal sehen. Die Idee kommt vom Projekt "Roots and Routes", einem internationalen Netzwerk für Nachwuchskünstler.

Noch eine gute Stunde bis zur Vorstellung. Das Kölner Arkadas Theater ist heute ausverkauft. Lisette Reuter schlängelt sich durch die bunte Gruppe junger Menschen, die sich im Eingangsbereich tummeln, lachen, quatschen und sich fotografieren. Lisettes Blick schweift über die vielen Köpfe. Nervosität? Nein. Vorfreude? Ja!

Beats wurden online verschickt

"Wir sind völlig wahnsinnig gewesen", sagt sie und lacht. "Die Teilnehmer sind am Sonntag angekommen, haben von Montag bis Freitag geprobt und präsentieren ihre Arbeit jetzt am Wochenende zwei Mal." Lisette Reuter ist eine der Projektmanagerinnen und musste Kunst und Künstler national und international in dieser kurzen Zeit zusammen bringen.

Kaum vorstellbar, denn was später auf der Bühne zu sehen sein wird, ist so professionell, dass keiner im Publikum auf den Gedanken käme, die Performance sei das Ergebnis von nur dreieinhalb Arbeitstagen. "Der einzige Unterschied zu den Projekten, die wir sonst machen: Die Teilnehmer haben das Thema vorab zugeschickt bekommen", erklärt Lisette.

"Sie sollten Ideen aufschreiben, Brainstormen, Lyrics schreiben. Die Band heute Abend kommt aus Holland. Sie haben vorher geprobt und Songs komponiert und es gibt zwei Producer, die Beats kreiert haben." Online wurde das Material durch die Gegend geschickt. "So konnten die Sänger und Rapper schon zu diesen Beats arbeiten."

Leidenschaft entdecken

Lara Grünberg begrüßt ihre Familie. Sie stehen in der langen Schlange vor der Kasse, warten auf den Einlass. Lara wird später zwei Mal auf die Bühne gehen. "Das erste Lied singe ich mit Sarina, ‚time will tell’“, sagt Lara. Der Text sei zum Teil von ihr geschrieben. Lara ist die jüngste Teilnehmerin, 15 Jahre alt.

"Ich dachte: Springst du mal über deinen Schatten. Kann ja nur besser werden, weil ich eigentlich ziemlich unsicher bin, vor allem auf der Bühne, wenn alle auf mich gucken." Später in der Show: Lara ist entzückend und souverän.

"Es gibt mit Sicherheit einige, die sind so gut, die könnten damit auch ihr Brot verdienen", sagt Projektmanagerin Lisette Reuter. "Aber das Schönste an dem Projekt – so find ich – ist, dass man merkt, wie die Teilnehmer ihre Bahn finden." Lisette erzählt von Stuggi. "Sie ist ein Multitalent, macht Medien, tanzt, singt." Stuggi habe eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau gemacht, dann zu Roots and Routes gefunden und einen neuen Weg eingeschlagen.

"Heute produziert sie zum Beispiel Imagefilme für Tänzer der Sporthochschule Köln und sie will jetzt an der Filmhochschule studieren." Stuggi habe ihre Leidenschaft entdeckt, sagt Lisette. "Das ist schön zu sehen. Und dafür machen wir den Job ja."

"Kunst schafft starke Persönlichkeiten"

Roots and Routes will jungen Künstlern aus allen Disziplinen Chancen bieten, sie ermutigen und befähigen, ihre Talente zu entdecken und zu entwickeln. Im Fokus steht urbane Kunst, Streetart, Breakdance, Rap, Poetry Slam, Visuals, Akrobatik. Zwölf Länder gehören mittlerweile zum internationalen Netzwerk. Sie haben sich zur Aufgabe gemacht, Nachwuchskünstler auszubilden, sie weiterzubilden, ihnen Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen, sie zu vernetzen.

Zum Projekt in Köln sind über 50 Nachwuchskünstler aus neun Nationen nach Köln gereist – 14 deutsche Teilnehmer und aus jedem anderen Land je fünf. Sie haben zwei Produktionen einstudiert: "Jam Karet", eine Performance mit Musik-, Tanz- und Multimedia-Elementen. Und "Search!", ein Tanztheaterstück mit Videokunst auf einer raumfüllenden Leinwand. 

Mohamed Boujarra gehört zum Tanzensemble. Er ist aus Belgien nach Köln gereist. "Solche Projekte sind wichtig! Denn Kunst schafft starke Persönlichkeiten. Alle, die ich hier treffe, wissen, was sie wollen. Sie wissen, was sie erreichen wollen und sie wissen, wie weit sie gehen müssen, um es zu erreichen." Mohamed studiert Tanz am "Royal Conservatory of Dance" in Belgien und ist als Choreograph europaweit unterwegs.

Er wird sich später die Bühne mit einer internationalen Gruppe von Tanz- und Improvisationskünstlern teilen. Sie werden tanzen, als seien sie eins. Sie schwingen, springen und hüpfen, fegen über das Parkett, wälzen sich, drehen sich, ergänzen sich. Das Publikum werden sie mit jedem Beat auf ihrer Seite wissen. 

Es sind nur noch wenige Minuten bis zum Auftritt. Nathan-Devonte singt sich warm. "Das Projekt inspiriert mich", sagt der Sänger aus Großbritannien und wirkt kein bisschen erschöpft ob der kurzen Nächte und den langen Tagen des intensiven Probens. "Weißt du, die besten Künstler und Musiker haben ein bisschen Blut vergossen, haben geschwitzt und ein paar Tränen geweint“, erklärt er. "Blut habe ich noch keines vergossen, aber den Rest schon", lacht Nathan. Er hoffe, man sehe es später in der Show, wie hart er gearbeitet habe.

Man wird es nicht nur sehen. Man fühlt es sogar.

(Text und Bilder: Stephanie Lachnit)

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Das Projekt wurde gefördert über das EU-Programm JUGEND IN AKTION.

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Vom 19. bis 21. August wird die Performance noch einmal aufgeführt im Rahmen der Kampagne "Youth on the Move" am Gamescom Festival in Köln.

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Eine Video-Dokumentation des Projekts finden Sie auf der Seite von Roots and Routes...

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