02.11.2020

Portrait einer ESK-Freiwilligen: "Soziale Ungleichheiten durch Sport überwinden"

Pia Weihing (20) verbrachte ihren Freiwilligendienst von Januar 2019 bis Januar 2020 in der Europäischen Kulturhauptstadt Matera in Italien. Beim comeback 2020, dem Rückkehr-Event im Europäischen Solidaritätskorps, trafen sich rund 200 ehemalige Freiwillige virtuell. Wie der Freiwilligendienst in Corona-Zeiten sie verändert hat, erzählt Pia Weihing.

Dass es für Pia Weihing (20) ins italienische Matera ging, war mehr oder weniger Zufall: Eigentlich wollte die Saarländerin in ein ökologisches Projekt in Skandinavien und nicht in einen Sportverband im heißen Süden. Doch die sozial engagierte Sportorganisation „Unione italiana sport per tutti“ überzeugte sie im Gespräch so sehr, dass es im Januar 2019 in die Europäische Kulturhauptstadt ging. „Die Stadt, vor allem die Altstadt, ist einfach wunderschön“, berichtet sie. Als Freiwillige habe sie sehr davon profitiert, dass Matera ausgerechnet in der Zeit ihres Aufenthalts Kulturhauptstadt war: „Es gab einen Pass, mit dem kostenlos oder vergünstigt an Aktivitäten teilnehmen und auch gratis Bus fahren konnte – das war natürlich großartig für uns Freiwillige“, erzählt sie.

Bild Europas hat sich verändert

Für die 20-Jährige, die aus einem kleinen Dorf im Saarland kommt, war in ihrem einen Jahr Aufenthalt immer viel los: „Es gab ein Projekt bei dem wir verlassene Bereiche der Stadt wieder zum Leben durch Street Art erweckt haben“, erzählt Weihing. Das war etwa ein Basketballplatz, der gemeinsam gereinigt und mit Graffitis lokaler Künstler versehen wurde, Bänke, die einen neuen Anstrich von den Freiwilligen verpasst bekamen oder durch kleine Events am Wochenende.

Schnell entstand auch der Kontakt zu anderen Freiwilligen in der 60.000 Einwohner zählenden Stadt, die alle in vier Wohngemeinschaften untergebracht waren. „Besonders spannend war für mich der Kontakt mit den Jugendlichen aus den östlichen Mitgliedsstaaten der EU, da wusste ich noch nicht so viel drüber“, sagt Weihing. Bewusst geworden sei ihr insbesondere, wie gut es den Menschen in Deutschland gehe und wie es ist, wenn man selbst oder die Eltern das Heimatland verlassen müssen. „Mein Bild von der EU hat sich sehr stark verändert, weil es jetzt nicht mehr nur Wirtschaft, Euro und leichtes Reisen bedeutet, sondern mehr um die Menschen, die zu Freuden werden, geht“, sagt sie.

Verbindende Wirkung von Sport

Der Grundgedanke in ihrer Organisation, dass kulturelle Unterschiede und soziale Ungleichheiten durch Sport überwunden werden können, habe sie beeindruckt. In verschiedenen Aktivitäten für alle gesellschaftlichen Teile habe sie dies immer wieder in der Praxis erlebt: „Wir hatten Sommer-Camps mit Kindern aus schwierigeren Hintergründen, aber auch regelmäßig an den Wochenenden Fußballturniere bei denen italienische Schüler/-innen und Flüchtlingskinder zusammenkamen“, berichtet sie. Italienisch sprechen konnte sie nicht als sie kam, aber sie erfuhr schnell, wie viel im Sport an Kommunikation ohne Sprache stattfinden kann: „Jeder weiß, wie Fußball funktioniert und man hat dabei einen ganz anderen Zugang der Menschen zueinander gesehen. Ich glaube, das ist eine große Chance, Menschen auch ein Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln“, sagt sie.

Eingesetzt wurde sie in ihrer Organisation, wo sie gebraucht wurde  – auch mal im Büro: „Das kann auf Dauer auch anstrengend sein, aber man sieht auch direkt, dass seine Arbeit eine Wirkung hat“, erinnert sie sich an ihre Aufgaben. Bevor sie nach Italien kam, habe sie sich nicht richtig vorstellen können, mit Kindern zu arbeiten, „aber so schlimm war es dann doch nicht, auch wenn es immer noch nicht mein Traum-Job ist“, sagt sie lachend.

Von Vorurteilen und Alltagswahrheiten

Ihr bisheriges Bild vom Land sei geprägt gewesen von den Familienurlauben im Norden des Landes – trotzdem sei sie erstaunt gewesen, dass einige der Stereotype einen wahren Kern haben, erzählt sie: „Alle waren sehr entspannt hier, auch im Büro, das war total schön, weil ich für mich mitnehmen konnte, Probleme nicht immer sofort lösen zu müssen, sondern erstmal eine Kaffeepause zu machen und in Ruhe darüber nachzudenken“, sagt sie. Auch auf der Straße nehmen sich die Menschen oft mehr Zeit, um miteinander zu reden – es gehe also nicht um die Pause an sich, sondern das, wofür sie stehe: Gegenseitige Wertschätzung.

Nochmal ins Ausland zu gehen, kann Weihing sich gut vorstellen. Gerade ist sie für ein naturwissenschaftliches Studium nach Saarbrücken gezogen, „aber wer weiß“, sagt sie. „Skandinavien ist ja auf meiner Liste noch offen, vielleicht wird das ja meine nächste Station.“

Lisa Brüßler im Auftrag von JUGEND für Europa

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Weiterführende Informationen

Link: Weitere Informationen zum Euroäischen Solidaritätskorps: www.solidaritaetskorps.de

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