29.11.2017

Wir hier: Lernmobilität und Perspektivwechsel. Die dort: Wirtschaftsflüchtlinge. Ist das gerecht?

Burkhard Pahl, 19 Jahre aus Mannheim, der seinen EFD in Marokko absolviert hat, findet es paradox: Wir EU-Bürgerinnen und -Bürger können uns frei und grenzüberschreitend bewegen, während marokkanischen Jugendlichen der Grenzübertritt meistens verwehrt bleibt.

Jugendliche in der EU haben durch Programme wie den Europäischen Freiwilligendienst (EFD) die wunderbare Möglichkeit, für eine längere Zeit in andere Länder zu reisen, diese kennenzulernen, andere Perspektiven einzunehmen und damit größere Zusammenhänge zu verstehen. Dass Jugendliche aus Ländern fliehen wollen, in denen sie keine Zukunftsperspektive haben, kann Burkhard Pahl darum sehr gut nachvollziehen. Er hat seinen sechsmonatigen Europäischen Freiwilligendienst in Taroudant bei Agadir in Marokko geleistet. Über die EU-Mittel ist das möglich, da Marokko zu den benachbarten Partnerländern gezählt wird und dortige Organisationen förderfähig sind. Burkhard Pahl traf während seines Freiwilligendienstes täglich auf marokkanische Jugendliche, die nach Europa migrieren wollen.

Arbeitslosigkeit ist kein Asylgrund

„In Marokko herrscht eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, sie liegt bei etwa zwanzig Prozent“, erzählt er. Auch Frauen seien stark von Arbeitslosigkeit betroffen. „Der marokkanische König hat enormen wirtschaftlichen Einfluss, ähnliches gilt für Frankreich aufgrund der Kolonialgeschichte.“ Laut Amnesty International seien Grundrechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit in Marokko stark eingeschränkt. Europa gelte vielen marokkanischen Jugendlichen daher als gepriesener Kontinent und sie suchen nach Wegen, hierher zu gelangen, so Burkhard Pahl. Dies wird ihnen massiv erschwert. „Die Menschen aus Marokko fliehen nicht vor Bomben, sie fliehen vor Arbeits- und Perspektivlosigkeit und das ist kein anerkannter Asylgrund“, so Burkhard. Vor diesem Hintergrund gelten die marokkanischen Jugendlichen eher als Wirtschaftsflüchtlinge, ein Begriff, der hierzulande sehr negativ konnotiert ist.

Über die Umweltorganisation, bei der Burkhard Pahl gearbeitet hat, war eine junge Marokkanerin als Europäische Freiwillige nach Leipzig kommen. Nachdem ihr EFD abgelaufen war, kümmerte sie sich um eine Förderung im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres. Sie besucht Deutschkurse und hofft, später in Deutschland studieren und somit bleiben zu können. Burkhard Pahl, der ursprünglich aus Leipzig kommt, hat ihr einen Nebenjob verschafft – sein persönlicher Beitrag zur Unterstützung der jungen Frau. „In Marokko, bei den Jugendlichen in meiner Organisation, kommt dann aber die Information an, dass der Freiwilligendienst eine Möglichkeit sei, nach Europa zu migrieren“, so Burkhard Pahl. „Das finde ich eigentlich nicht richtig, auch nicht, dass sich Europa den marokkanischen Jugendlichen gegenüber durch die Freiwilligen in einem sehr positiven Licht darstellt. Alle Hoffnungen der Jugendlichen zielen auf Europa und sie glauben, dass man sie dann entsendet, wenn sie sich in der Organisation nur gut einbringen.“ Faktisch ist das aber nur für die Allerwenigsten möglich.

„Überall zu Hause sein macht mich glücklich“

Für Burkhard Pahl ist Marokko durch seinen Freiwilligendienst zu einer weiteren Heimat geworden. Er ist schon viel gereist, durch verschiedene EU-Länder, nach Russland, nach Lateinamerika. „Die EU ist ein geniales Projekt und unterstützenswert. Durch die Reisen wird meine persönliche Karte immer größer und ich kann mich in ganz vielen Ländern zu Hause fühlen. Diese Situation macht mich glücklich und erfüllt mich und ich hätte keine Lust, dass die Freizügigkeit, die wir hier haben, zu Gunsten von mehr Sicherheit oder unter einem anderen Vorwand wieder abgeschafft und Grenzen wieder hochgezogen werden.“

Das Europäische Solidaritätskorps als Ausgangspunkt für größere Veränderungen?

Dass unsere Freizügigkeit im paradoxen Kontrast zu fehlenden Migrations- und grenzüberschreitenden Mobilitätsmöglichkeiten der Jugendlichen in Marokko steht, ist eine Erkenntnis aus Burkhard Pahls Freiwilligendienst. Im Moment sieht er keine Möglichkeiten für sich selbst, an dieser Situation auch nur annähernd etwas zu ändern oder sich für eine Veränderung der Situation stark zu machen – abgesehen von der punktuellen Unterstützung der marokkanischen Freiwilligen in Leipzig.

Ab 2018 wird der Europäische Freiwilligendienst im Europäischen Solidaritätskorps (ESK) aufgehen. Das birgt vielleicht die Zuversicht, dass mehr junge Menschen als bisher diese Art von Grenzerfahrungen und Perspektivwechsel erleben und gemeinsam etwas an der paradoxen Situation ändern können.

(Babette Pohle im Auftrag von JUGEND für Europa; Foto: Jörg Heupel, Bonn)

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