04.10.2015

Charlie e(s)t moi: Als Europäische Freiwillige im angespannten Frankreich

Konflikte sind Teil des Europäischen Freiwilligendienstes. Meist sind sie zwischenmenschlich und lassen sich nach kurzer Zeit im Gespräch lösen. Bei politischen Krisen sieht das anders aus. Das Attentat auf die Redaktion des Magazins Charlie Hebdo in Paris versetzte Frankreich in einen Schockzustand. Die Gesellschaft streitet seither darüber, wie man mit Radikalisierung von Jugendkultur umgeht. Zwei Freiwillige aus Deutschland, die in Frankreich waren, versuchen eine Antwort zu geben.

Den ersten Satz, den Neele Menter am Vormittag des 7. Januar 2015 von ihren französischen Kollegen hörte, war: "Es hat einen Unfall gegeben." Der Ausdruck Attentat kam später hinzu. "Den Rest des Tages gab es kein anderes Thema mehr. Die Bilder liefen in Endlosschleife im Fernsehen." Angst habe sie bei jedem ihrer Schritte gespürt, sagt Neele.

Alltägliche interkulturelle Konflikte

Neeles Einsatzstelle lag in Clichy-sous-Bois, der Migrantenvorstadt der Pariser Banlieue. Soziale Vielfalt gibt es dort kaum, interkulturelle Konflikte sind alltäglich, maghrebinische Einwanderer leben Tür an Tür mit Muslimen aus Zentralafrika. Neele arbeitete bei Compagnon Bâtisseur. Die NGO renoviert Wohnungen armer Familien unter Einbeziehung der Familienmitglieder.

Nach Charlie Hebdo "habe ich auch die Muslime angespannt erlebt", sagt Neele. Wenige Tage nach dem Anschlag, sie renovierte mit einer Gruppe junger Migranten eine Wohnung, entlud sich die Spannung in folgender Szene: "Einer hatte eine Ausgabe von Charlie Hebdo dabei. Ein anderer wollte sie zerreißen und erklärte dass, wenn die Franzosen den Propheten Mohammed so darstellen wie auf dem Titel der Zeitschrift, sind die Ereignisse die logische Folge. Das klang so selber-schuld-mäßig."

Anstatt sich jedoch einzumischen und Streit zu produzieren, ließ Neele den Kommentar stehen. "Bei meinen französischen Kollegen gab es zwei Haltungen, die einen waren für bedingungslose Meinungsfreiheit, dass sich Frankreich so etwas nicht bieten lassen darf. Die anderen, darunter eine rumänische Freiwillige, plädierten für Respekt gegenüber der anderen Kultur. Provokation beendet die Radikalisierung nicht sondern steigert sie weiter."

Wie deeskalierend Respekt wirken kann lernte auch Christian Conradi, der als Freiwilliger für Compagnon Bâtisseur in Tours arbeitete, einer Stadt zwei Stunden südlich von Paris. In seinem französisch-arabischen Team, das Möbel baute, gerieten die Mentalitäten öfter heftig aneinander: "Jemand regt sich auf, beleidigt und bedroht mich. Das war eine Situation, die ich von Zuhause überhaupt nicht kannte."

"Integration ist das Wichtigste und Bildung die Voraussetzung dafür"

Sich nicht provozieren zu lassen, habe er erst lernen müssen, sagt Christian. Mit der Zeit reagierte er aufmerksam, aber gelassen. Das Miteinander lief reibungsloser ab.  Am Vormittag des 7. Januar fiel dem jungen Dresdner zuerst die ungewohnt starke Polizeipräsenz in den Straßen auf. Die Nachricht vom Anschlag auf Charlie Hebdo hörte er kurz darauf. "Jeder war bestürzt und alle waren sich einig, dass die Meinungsfreiheit Bestand haben muss. Präsident Hollande hat aber klargestellt, dass der Islamismus, der Frankreich erschüttert hat, keine pauschale Verurteilung von Muslimen bedeuten darf. Das hat er gut gemacht. Das musste ausgesprochen werden."

Beide Freiwillige waren zu keinem Zeitpunkt ihres EFD gefährdet. Beide erinnern sich gerne an ihr Auslandsjahr. Die Radikalisierung von Jugendkultur, wie sie Neele und Christian in Frankreich erlebten, hat sie jedoch nachdenklich gemacht.

Neele findet: "Man muss nicht immer raushängen lassen, dass man die stärkere Macht ist." Differenzierung ist das Wort, das Christian gebraucht. Er könne durch den EFD differenzieren, wenn es um Erfahrungen mit muslimischen Einwanderern geht. "Dass eine Gesellschaft Menschen aufnimmt, bringt nichts, wenn sie sie nicht auch integriert. Integration ist das Wichtigste und Bildung die Voraussetzung dafür." So hätten das auch seine Kollegen gesehen.

Wie schwer der Mittelweg zwischen Zwang und Toleranz praktisch ist, hat Christians Europäischer Freiwilligendienst auch gezeigt. "Je patriotischer eine Kultur ist, desto schwerer fällt es ihr, sich zu integrieren."

Dr. Tanja Kasischke für JUGEND für Europa
Bild: Dr. Tanja Kasischke, Berlin

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