13.01.2015

"Auch kleine Schritte bedeuten Fortschritt"

Anna Herold aus Ungarn arbeitet in ihrem Heimatdorf Nagyvazsony in der kleinen Organisation Fekete Sereg, die seit 1997 Menschen mit Roma-Hintergrund mit anderen zusammenbringt. In Budapest studiert sie Ethnien- und Minderheitenpolitik und auch in der Nachmittagsschule der Organisation beschäftigt sie sich mit cross-community-work im Roma-Kontext.

JfE: Anna, wie kommt es dass du dich in Ungarn für mehr Austausch zwischen der Gesellschaft und Minderheiten wie etwa den Roma einsetzt?

Anna Herold: Ich war schon immer offen für andere Kulturen und wollte ins Ausland. Meine Organisation gab mir die Möglichkeit als Freiwillige nach Finnland zu gehen und als ich zurückkam, wollte ich Ungarn etwas zurückgeben. Ich bin dann Mentorin in unserer Nachmittagsschule geworden und jetzt fühle ich mich verantwortlich für die Kinder. Ich habe dadurch die Roma-Kultur besser kennengelernt und fühle mich ihr sehr verbunden.

Außerdem gehöre ich auch selbst zu einer Minderheit, da meine Großmutter Ungarn-Deutsche ist. Ich habe das aber nie so erlebt, wie meine Roma-Freunde, die manchmal nicht in Diskotheken hereinkommen, wenn wir zusammen unterwegs sind – das schockiert mich immer wieder.

Ist Diversität in der Jugendarbeit denn ein Thema in der ungarischen Politik?

Man will mehr für Diversität tun, aber das Problem ist, dass die Lösungen immer von oben kommen und die Roma selbst kaum gehört werden. Es werden dann zum Beispiel Projekte gefördert, die gar nicht wirklich helfen. Ein Problem ist auch die Berichterstattung, die oft von "den Roma" spricht, die es als solche Gruppe gar nicht gibt, weil sie so divers sind oder dass Roma oft im selben Atemzug mit dem Begriff Kriminalität genannt werden. Die Alltagsdiskriminierung der Roma ist aus der Berichterstattung meiner Wahrnehmung nach aber verschwunden.

Was kann da cross-community tun? Wie erreicht ihr die Bevölkerung?

Ich glaube, dass Organisationen sehr viel helfen können. Wir veranstalten zum Beispiel eine Roma-Woche in der Grundschule, damit die Kindern kennenlernen was Bestandteile dieser Kultur sind, wie etwa die traditionellen Kleider aussehen und welche Geschichte die Roma haben.

Wir arbeiten aber auch am internationalen Austausch: Nächstes Jahr wird ein Roma-Schüler seinen Europäischen Freiwilligendienst in Finnland machen und andere europäische Freiwillige kommen in unser Dorf, um mit Roma und Nicht-Roma zusammenzuarbeiten. Diese Woche haben wir eine Ausstellung über die Geschichte der Roma in einer Polizeistelle eröffnet. Das ist eine sehr große Sache, weil viele Konflikte zwischen Polizisten und Roma stattfinden und wir hoffen dadurch zum gegenseitigen Verständnis beizutragen.

Seit Oktober 2013 gibt es auch die Nachmittagsschule "Rückenwind" bei euch, in der mit benachteiligten Kindern gearbeitet wird. Wie hilfst du deinen Mentees?

Rückenwind arbeitet mit Kindern zwischen sechs und 18 Jahren. Die meisten kommen aus Familien, die materiell gesehen arm sind, oder deren Eltern keine formell hohe Bildung haben. Diese Kinder wollen wir auf ihrem Bildungsweg unterstützten. Dabei arbeiten wir sowohl mit Roma-Kindern als auch mit nicht-Roma und das ist eigentlich das wichtigste: Sie erlernen wie sie miteinander umgehen.

Momentan habe ich nur einen Schüler. Ich war mit ihm gemeinsam in Finnland, weil er kein Englisch konnte. Sonst helfe ich ihm bei Formalien, aber auch beim Lernen in Englisch oder Mathe. Wir sprechen aber auch über Alltagsthemen und manchmal hilft es schon sehr, wenn ich nur da bin und zuhöre. Ich merke oft nach einem Jahr, dass die Kinder und Jugendlichen mehr Kontakte haben oder selbstbewusster sind und das bedeutet mir viel.

Das klingt nach guten, aber gleichzeitig auch sehr kleinen Schritten...

Bei uns im Dorf ist es so, dass viele Jugendliche weggehen und nicht zurückkommen. Das heißt auch, dass diejenigen die noch da sind als Vorbilder angesehen werden. Ich habe deshalb eine Facharbeit über unsere Nachmittagsschule geschrieben. Ich war erstaunt, wie interessiert die Kinder daran waren, dass ich als eine aus dem Dorf, eine Arbeit über sie geschrieben habe. Ich hoffe sie damit auch zu motivieren.

Die Schritte, die wir momentan machen sind sehr klein, aber ich glaube je mehr Schritte wir machen, desto mehr gute Beispiele können wir erzählen und die Aufmerksamkeit steigt. In Ungarn sind wir schon sehr bekannt und werden oft gefragt, wenn es darum geht wie Roma und Nicht-Roma zusammenarbeiten können.

Beim "cross the line" training konntest du etwas für deine Arbeit vor Ort mitnehmen?

Ich bin sehr froh, dass ich so viele Menschen getroffen habe. Besonders hat mich gefreut, dass es so eine große Gruppe aus Finnland gibt, aber niemand aus dieser Gruppe finnische Wurzeln hat. Ich schätze die Gespräche sehr, die nach dem offiziellen Part stattfinden, weil ich dadurch die Kulturen besser kennen lernen kann.

Es hat mir viel gegeben, dass die deutsche Organisation der Roma, Amaro Drom hier war und ich so kennen lernen konnte, wie in Deutschland für Roma gearbeitet wird. Ich habe realisiert, wie paradox es eigentlich ist, dass wenn jemand als Roma etwas erreicht hat, er nicht mehr als Roma wahrgenommen wird. Diesem Denken muss man entgegen wirken.

(Das Interview führte Lisa Brüßler im Auftrag von JUGEND für Europa)

Bild: ©Lisa Brüßler

Kommentare

    Bislang gibt es zu diesem Beitrag noch keine Kommentare.

    Kommentar hinzufügen

    Wenn Sie sich einloggen, können Sie einen Kommentar verfassen.