29.01.2015

"Mir ist ein facettenreicher Einblick in die Geschichte ermöglicht worden."

Als Ende November 2013 in der Ukraine die Proteste gegen die Regierung Wiktor Janukowytsch aufflammen, absolviert Jonas Bartholomé gerade seinen Europäischen Freiwilligendienst (EFD) in Lviv. Hautnah erlebt er, wie diese politisch konfliktreiche Zeit das alltägliche Leben beeinflusst. JUGEND für Europa hat ihn zu seinen Erfahrungen während des EFDs befragt.

JfE: Du hast deinen EFD in Lviv absolviert. Beschreibe einmal, wie kann man sich den Ort vorstellen?

Jonas Bartholomé: Lviv (oder auf Deutsch: Lemberg) liegt im Westen der Ukraine. Die Stadt ist wunderschön, mittelalterlich und hat ein außergewöhnliches romantisches Flair. Viele Cafés und Straßenmusiker sowie die große Anzahl an gut erhaltenen Kirchen, der Kathedrale und der Stadtmauer (zum Teil aus der Polnischen-Litauischen und der Österreichischen-Ungarischen Zeit) machen die Stadt zu einem Museum europäischer Kultur, das auch zurecht das Prädikat UNESCO Weltkulturerbe besitzt.

Kannst du dich noch an den Tag deiner Ankunft erinnern? Was hast du wahrgenommen, gedacht, gefühlt?

Das war sehr witzig. Ich bin von Berlin aus mit dem Bus nach der Ukraine gefahren. Und das Erste, was ich nach dem langen Aufenthalt an der ukrainischen Grenze gesehen habe, war ein Wildpferd, das über die Straße lief. Und das bei einem herrlichen Sommersonnenaufgang. Das werde ich nie vergessen. Eine schönere Impression hätte ich, glaube ich, nicht bekommen können.

Was genau waren die Aufgaben in deinem EFD-Projekt? Worauf hattest du dich gefreut, wovor dich möglicherweise auch etwas gefürchtet?

Ich habe anfangs in Schulen und an der Universität beim Unterricht zugesehen. Bald darauf durfte ich den Lehrkräften assistieren und nach einiger Zeit habe ich meine eigenen Deutschstunden übernommen. Dieses Vertrauen der Professoren und der Schulleiterin schätze ich immer noch sehr.

Aufgrund der ziemlich genauen Projektbeschreibungen und dem guten Kontakt zu meiner Empfängerorganisation konnte ich mir vorab ein gutes Bild über meine dortigen Tätigkeiten machen. Ein bisschen Angst hatte ich vor den Sprachhindernissen, die sich aber, dank guten Unterrichts und engen Kontakts zu den Einheimischen, schnell gelegt haben.

Wie genau standest du mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt? Was hast du über das Leben und die Menschen in der Ukraine gelernt?

Ich habe vieles mitgenommen. Durch meine Mitgliedschaft im Handballverein SKA Lviv habe ich schnell Kontakt gefunden und mir einen Einblick in die Lebensumständen der Menschen verschaffen können.

Ich habe auch viele Einheimische als Freunde schätzen gelernt. Daraus ergaben sich viele interessante Gespräche über die Einstellung zur Nation und über die Politk. Das hat mir sehr geholfen, die sozialen Verhältnissen zu verstehen.

Wie hast du die politische Situation vor Ort in der Ukraine erlebt?

Das war eine sehr spannende Zeit. Ich erinnere mich an den Euro Maidan in Lviv, den ich öfter besuchte. Ich bin auch nach Kiew gefahren, um mir die dortige Situation auf dem Maidan anzuschauen. Das war sehr prägend, muss ich sagen. Die Präsenz des radikal-nationalistischen "pravy sektors" und der Partei Swoboda haben mich dabei schockiert. Leider war hier festzustellen, dass das doch teilweise mit einer radikalen Ansicht einherging.

Der Unterricht fiel oft aus und das Handballtraining wurde vorübergehend ausgesetzt. Ja, das war schon ein Einschnitt in das Alltagsleben.

Inwiefern hat dich diese brisante Zeit geprägt?

Ich habe viele Schlüsse daraus gezogen. Als Zeuge dieser politischen Ereignisse und mit den Erfahrungen, die ich machen konnte, habe ich eine besondere Verantwortung bekommen. Nach meiner Rückkehr habe ich in meinem Schulpraktikum, als Student und in vielen anderen Situationen über meine Erlebnisse und die politischen Umstände in der Ukraine berichtet. Das plötzliche Interesse für dieses Land hatte viele Diskussionen zur Folge. Ich freue mich immer über jeden, der erfahren möchte, was ich dort erlebt habe und wie meine Meinung zu den Entwicklungen in  der Ukraine ist.

Ich habe gelernt, mit Vorsicht an Quellen heranzugehen und Sachen erst zu hinterfragen, bevor ich mir ein Urteil erlaube. Ich finde, das ist sehr wichtig. Denn voreilige Schlüsse, blindes Vertrauen und der verantwortungslose Umgang mit Quellen sind meiner Meinung nach u.a. auch Gründe für die Geschehnisse, die sich in der Ukraine immer noch abspielen und Menschenleben kosten, was leider nicht wieder auszugleichen ist.

Wie wurde die Krise in deinem Aufenthaltsort Lviv sichtbar?

Anfangs machte sich breites Unverständnis für das Verhalten der Regierung von Janukowitsch breit. Nahezu jedes Gespräch drehte sich um Politik. Viele Freunde nahmen schnell Stellung und ihre Einstellungen radikalisierten sich.

Es gab u.a. eine Menschenkette von Krakau bis nach Lviv, die politische Präsenz der Swoboda-Partei nahm erheblich zu und der Euro Maidan in Lviv füllte sich von Tag zu Tag. Später wurden Barrikaden vor der Regionalverwaltung errichtet, der Gouverneur zum Rücktritt gezwungen und die Kontrolle von Aktivisten übernommen. Als die Situation auf dem Maidan in Kiew eskalierte, brannten auch in Lemberg viele Gebäude. Die Polizei wurde durch eine Bürgerwehr ersetzt und die Innenstadt verwüstet.

Dafür hatte ich kein Verständnis, weil gerade die Lokalpolitiker in Lviv deutlich gemacht hatten, dass sie sich für den Maidan einsetzen würden und die "Demonstranten" meist nicht älter als 18 Jahre waren. Außerdem wurden viele Waffen aus der Militärbasis und dem Polizeigebäude entwendet, die größtenteils nicht zurückgegeben wurden.

Wie ging es den Menschen um dich herum zu dieser Zeit?

Viele Menschen hatten Angst und fühlten sich verpflichtet, die Demonstrationen zu unterstützen. Als es erste Todesopfer in Kiew gab, ging das natürlich auch mit Trauer und Wut einher. Manche meiner Bekannten verloren Freunde…

Wie hast du dich zu dieser Zeit gefühlt und wie bist du mit der Situation umgegangen?

Ich habe nur noch Nachrichten geschaut und die Presse bzw. die Entwicklung in Lviv verfolgt. Ich war entsetzt über die Entscheidung der Regierung, auf Demonstranten zu schießen, weil das eine größere Eskalation implizieren musste. So kam das ja dann auch.

Meine Familie und Freunde aus Deutschland haben sich mehr und mehr erkundigt, wie es mir ging. Persönliche Angst hatte ich aber eher nicht.

Wie verändert eine solche Situation die Gespräche und das alltägliche Leben?

Wie schon erwähnt, änderte sich mein Alltag. Der Unterricht fiel streckenweise über längere Zeit aus, weil Studenten und Professoren nach Kiew fuhren. Das Handballtraining fand auch nicht mehr statt und ich hatte zwischenzeitlich nicht viel zu tun. Deshalb hatte ich noch mehr Zeit, Nachrichten zu verfolgen.

Erst ab Ende Februar normalisierte sich der Ablauf in der Uni und im Gymnasium allmählich und ich konnte wieder Unterricht geben.

Wie sah der Kontakt zu deiner Entsendeorganisation während und nach deinem Aufenthalt aus?

Mit meiner Entsendeorganisation, dem Jugendumweltnetzwerk Niedersachsen JANUN e.V., stand ich in ständigem Kontakt, was auch sehr hilfreich bei meiner Entscheidung war, aufgrund der politischen Situation früher nachhause zu fahren.

Wie verfolgst du nach deiner Rückkehr die Lage in der Ukraine?

Den Verlauf der Geschehnisse verfolge ich täglich über die Presse. Natürlich habe ich auch Kontakt zu meinen Freunden, die mir die Situation vor Ort beschreiben und sich auch erkundigen, wie es mir geht. Das Thema Ukraine lässt mich nicht mehr los. Ich möchte auch möglichst bald wieder zurück in die Ukraine.

Wenn dich ein Freund fragt, ob du ihm das Besondere an deinem EFD in Ukraine in zwei Sätzen erzählen könntest, was würdest du sagen?

Dias Prägendste für mich sind meine Freunde, die ich dort kennenlernen durfte, der Einblick in die ukrainische Sprache und Kultur sowie die wunderschöne Stadt Lviv, die ich jedem empfehlen kann zu besuchen.

Außerdem war die Möglichkeit, Unterricht zu geben und den politischen Prozess dort zu verfolgen, einmalig. Das ist eine Erfahrung, die einschneidend war, bleiben wird und auf keinen Fall mit Berichten, Artikeln oder Büchern zu ersetzen ist, weil sie mir den Einblick in die Geschichte so facettenreich ermöglicht hat.

Zum Schluss: Was ist dein Fazit? Würdest du den EFD weiterempfehlen?

Der EFD ist eine absolut empfehlenswerte Sache. Das Projekt ermöglicht Reisen in so viele Länder, das Kennenlernen oder Vertiefen von Fremdsprachen, den Erwerb von Freunden, die man nie vergessen wird und eine Erfahrung, die einem niemand nehmen kann.

Deshalb rate ich jedem, der sich eventuell für einen Auslandsaufenthalt entscheiden möchte, diesen wirklich zu realisieren und sich seine eigenen Eindrücke zu machen. Verschenkt ist diese Zeit auf keinen Fall, sondern sehr wertvoll.

(Das Interview führte Sabrina Apitz im Auftrag von JUGEND für Europa. / Foto@Jonas Bartholomé)

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