"Ohne Europäische Freiwillige wären wir ärmer"

Das Team im Partnerschaftsreferat des Bezirks UnterfrankenSchon seit Beginn des Europäischen Freiwilligendienstes im Jahr 1996 arbeiten französische Freiwillige im Partnerschaftsreferat des Bezirks Unterfranken. Stefanie Weber, stellvertretende Partnerschaftsreferentin, erklärt im Interview, warum sie im Team nie mehr auf Freiwillige verzichten möchten.

Frau Weber, seit zehn Jahren nimmt das Partnerschaftsreferat in Unterfranken Europäische Freiwillige aus Frankreich auf. Aus welchem Grund?

Die Freiwilligen bringen frischen Wind mit. Allein dadurch, dass wir jedes Jahr neue Freiwillige einarbeiten, müssen wir automatisch immer wieder über unsere eigene Arbeit nachdenken. Wir spannen die französischen Freiwilligen intensiv in unsere Projekte ein und motivieren sie, auch kritisch Stellung zu nehmen. Sie kennen die französische Jugendkultur und sind nah dran an Themen, die Jugendliche bewegen. Einmal wollten wir einer Jugendbegegnung etwas Gutes tun und eine Rockdisko veranstalten, doch unsere Freiwillige hatte längst den Trend zum Konservativen erkannt: Die Jugendlichen wollten auf Begegnungen lieber Walzer-Tanzen lernen.

Sie nehmen Freiwillige aus Frankreich auf – warum entsenden Sie auch Deutsche nach Frankreich?

Für uns ist es einfach eine ideale Konstellation, schließlich arbeiten die Freiwilligen auf beiden Seiten eng an gemeinsamen Projekten unserer Partnerregionen: Praktikantenaustausche, Jugendbegegnungen, Festivals, Fortbildungen. Dazu telefoniert die französische Freiwillige in Unterfranken regelmäßig mit ihrem deutschen Pendant im Calvados. Manchmal besuchen sie sich auch gegenseitig, um auf Messen oder Kulturaktionen präsent zu sein.

Welche Aufgaben erledigen Ihre Freiwilligen denn im Büro?

Auf keinen Fall Kaffeekochen und Kopieren – dafür sind uns unsere Freiwilligen zu schade. Wir spannen sie umfassend in unsere Arbeit ein und achten darauf, dass sie eigenständig und abwechslungsreich arbeiten können. Anissa, unsere aktuelle Freiwillige, bereitet gerade die Preisverleihung eines Wettbewerbes mit vor, den wir für Kindergarten- und Grundschulkinder mit Frühfranzösisch-Unterricht ausgeschrieben haben. Anissa entwirft Layouts am Computer, sie sitzt in Wettbewerbs-Jurys, schreibt Bewertungen, macht Sprachtests mit Bewerbern auf ein Praktikum in Frankreich, präsentiert uns mit auf Messen und Infoveranstaltungen und hilft uns auch bei der Ausschreibung für unseren Partnerschaftspreis. Ihre Arbeit ist uns eine große Hilfe, denn sie bringt die französische Perspektive und das französische Sprachgefühl ein.

Welche Fähigkeiten setzen Sie bei Ihren Freiwilligen voraus?

Wir legen Wert auf ausreichende Deutschkenntnisse, weil Kommunikation bei uns im Mittelpunkt steht. Wir organisieren für die Freiwilligen die Teilnahme an Sprachkursen. Darüber hinaus hat bisher jede/r Freiwillige unterschiedliche Kompetenzen mitgebracht, sei es im Umgang mit Menschen, in der Öffentlichkeitsarbeit oder beim Erstellen von Webseiten. Diese individuellen Fähigkeiten berücksichtigen wir bei der Aufgabenverteilung – wer gerne mit dem Internet arbeitet, kann seinen Schwerpunkt darauf legen. Wir haben immer sehr viel Glück gehabt mit unseren Freiwilligen.

Wie sind die französischen Freiwilligen in Deutschland integriert?

Wir unterstützen sie, wo wir können, um ihnen die Kontaktaufnahme zu erleichtern. Am Anfang kann sich jede/r neue Freiwillige über unseren E-Mail-Verteiler vorstellen, den Jugendliche aus der Region mit Bezug zur internationalen Jugendarbeit erhalten. Daraus entstehen oft französisch-deutsche Stammtische und ähnliche Treffen. Außerdem können die Freiwilligen an Uni-Kursen teilnehmen und in der Jugendbildungsstätte vorbeischauen. Freiwillige, die viel rausgehen und aktiv sind, haben schnell einen großen Bekanntenkreis.

Haben Sie den Werdegang Ihrer ehemaligen Europäischen Freiwilligen verfolgt?

Zu den meisten haben wir noch regelmäßig Kontakt. Viele arbeiten inzwischen im internationalen Umfeld – bei der EU in Brüssel, bei Jugendwerken, im französischen Jugendministerium, bei einer großen Fluglinie, in europäischen Studiengängen. Und von unseren deutschen Freiwilligen ist der ein oder andere gleich in Frankreich bzw. Deutschland geblieben, um dort zu studieren oder eine Ausbildung zu beginnen.

Jedes Jahr eine neue Freiwillige – bedeutet das nicht auch großen organisatorischen Aufwand?

Natürlich haben wir auch viel Arbeit: Zimmer suchen, Fortbildungen organisieren... Außerdem müssen wir alle Freiwilligen neu einarbeiten. Aber es ist ja auch unser Ziel, sie weiterzubringen. Es ist jedes Mal spannend zu beobachten, wie sie sich weiter entwickeln, welche neuen Fähigkeiten sie ans Licht bringen. Manche Freiwillige sind anfangs noch zurückhaltend, nach einigen Monaten präsentieren sie schon souverän unsere Projekte vor den Bezirksräten, z.B. in den Sitzungen des Partnerschaftskomitees. Am Ende des Jahres wissen die meisten viel genauer, was sie studieren oder wo sie arbeiten möchten. Der Freiwilligendienst ist immer auch ein Findungsjahr.

Können Sie sich Ihre Arbeit überhaupt noch ohne Freiwillige vorstellen?

Wir würden nur sehr ungern auf Europäische Freiwillige verzichten. Sie ersetzen natürlich keine Arbeitsstelle in unserem Büro. Vielmehr würden uns ihre Ideen und ihr Wissen fehlen. Schließlich wollen wir nicht nur für Jugendliche arbeiten, sondern Jugendliche aktiv beteiligen. Unser Jugendbereich wäre ohne Europäische Freiwillige sehr viel ärmer.

Im Internet: www.frankreich-forum-unterfranken.de

Mehr Informationen zum EFD: www.jugend-in-aktion.de/aktionsbereiche/europaeischer-freiwilligendienst/

Geschichten vom Europäischen Freiwilligendienst

Youthreporter -
Europäische Freiwillige berichten aus 1000 und einem Europa

EuroPeers -
Jugendliche geben ihre Erfahrungen und Geschichten an andere Jugendliche weiter

Entsendeorganisationen

Entsendeorganisationen sind Vereine, die den Einsatz eines Europäischen Freiwilligen koordinieren. Dazu gehören die Bewerbungsabwicklung, der Kontakt zur Aufnahmeorganisation und die Versicherung. Außerdem begleiten Entsendeorganisationen den Freiwilligen vor, bei und nach dem Dienst im Ausland.

Aufnahmeorganisationen

Aufnahmeorganisationen nehmen Europäische Freiwillige aus anderen Ländern auf und bieten ihnen für ihre unentgeltliche soziale Arbeit freie Kost, Logis, Betreuung und Fortbildungen an. In Deutschland arbeiten jedes Jahr ungefähr 500 Freiwillige aus dem Ausland.