07.05.2013

Anlass zur Sorge? Die Zukunft der europäischen Jugend-Agenda

In seiner Rede auf der Konferenz „Building Tomorrow’s Europe“ anlässlich des 25. Geburtstages von JUGEND für Europa stellte Dr. Howard Williamson, Professor für Europäische Jugendpolitik an der University of Glamorgan, die Herausforderungen der Jugendpolitik in den Fokus.

Der Handlungsbedarf der Jugendpolitik sei klar, betonte Williamson und führte dazu einige Zahlen an: Es gibt allein 94 Millionen Europäer im Alter von 15-29 Jahren  (davon sind 22 % arbeitslos) – Jugendpolitik betrifft also in dieser Altersgruppe gut 12% aller europäischen Bürger. Spekulationen, wie ihre Zukunft aussehen soll, gäbe es viele und von zahlreichen Seiten: Politikwissenschaftlern, Historikern, Journalisten. Die Vergangenheit habe aber gezeigt, dass Spekulationen selten die Realität der Zukunft träfen.

Ein Problem, vor das sich die europäische Jugendpolitik gestellt sieht, so Williamson, sei die Kluft zwischen Jugendlichen, die Zugang zu verschiedenen Arten von Kapital haben: „human capital“ (bildungsbezogene Qualifikationen), „social capital“ in Form von Netzwerken, das mit web 2.0 eine wachsende Bedeutung einnimmt, und „identity capital“, also die Fähigkeit der Selbstdarstellung und -vertretung, und Jugendlichen, die keinen Zugang zu diesem Kapital haben. Vor allem die letztere sei die Gruppe, der sich die Jugendpolitik verstärkt zuwenden müsse. Aktuell sei allerdings das Gegenteil zu beobachten: Inaktivität der Entscheidungsträger, Initiativen für Jugendliche ins Rollen zu bringen. Am Beispiel Großbritanniens führte Williamson an, dass Politiker die Verantwortung für Jugendpolitik nicht auf nationaler sondern Landes- oder gar kommunaler Ebene sähen – wo aber häufig wenige bis gar keine finanziellen Mittel zur Verfügung stünden.

Den aktuellen Herausforderungen ohne Zugang zu den drei genannten Arten von Kapital ausgeliefert zu sein, keine Unterstützung von Politikern zu erhalten beziehungsweise mangelnde Kommunikation mit diesen führe zu Frust und einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit bei Jugendlichen, das verschiedene Formen von Protest auslöse: Flucht in die scheinbare Sicherheit, die rechtsgerichtete Bewegungen suggerieren, was sich in steigenden Mitgliedszahlen rechter Organisationen manifestiere; Radikalisierung islamischer Jugendlicher; Rückzug in Form von Selbstverletzung und Selbstmord und „reverse colonization“, also Migration in Länder mit positiveren Arbeitsmarktsituationen. Der Großteil kapitalloser Jugendlicher allerdings verharre in scheinbarer Akzeptanz der ausweglosen Situation.

So richtungsweisend der analytische Ansatz anhand verschiedener Ausprägungen von Kapital Jugendlicher ist, bahnbrechende neue Handlungsansätze als die schon seit einigen Jahren bekannten und in Umsetzung befindlichen konnte Williamson nicht nennen. So wies auch er darauf hin, dass Jugendpolitik und -arbeit offener werden und neue Kanäle und Quellen politischer und finanzieller Unterstützung nutzen müssten. Die Verantwortung, Herausforderungen für die europäische Jugend zu bewältigen, könne nicht nur in öffentlicher Hand liegen. Auch private Sponsoren stellten eine Ressource zur Umsetzung von Initiativen für Jugendliche dar. Allerdings auch die Jugendlichen selbst könnten aktiver werden, sich für sie selbst einzusetzen. Er betonte auch, Stärken der Jugendlichen zu nutzen und einsetzen zu müssen und vor allem benachteiligte Jugendliche in den Fokus jugendpolitischer Bemühungen zu rücken.

Building Tomorrow's Europe ist eine Fachkonferenz von JUGEND für Europa und findet vom 7. bis 8. Mai 2013 in Bonn statt. Sie bietet Vorträge, Diskussionen und 28 Workshops von und mit engagierten Menschen aus Praxis, Politik, Wissenschaft und Forschung zu sieben Schwerpunktthemen Europäischer Jugendpolitik und Jugendarbeit.

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