Thema: Bürgerschaftliches Engagement und das soziale EuropaJuni 2009

Was für's Leben: Der Europäische Freiwilligendienst wirkt nachhaltig

Ergebnisse wissenschaftlicher Studien von JUGEND für Europa

Freiwillige Dienste sind ein Erfolgsmodell: Für junge Menschen ist es eine Zeit, in der sie etwas für Andere tun, bürgerschaftliches Engagement erproben und nicht zuletzt eigene Interessen und Talente erforschen. Seit 1995 setzt die Europäische Union den Europäischen Freiwilligendienst um.

Im damaligen Programm „Jugend für Europa III“ gab es die erste „Aktion zur Förderung kurzfristiger Freiwilligendienste“. Danach folgte 1996 bis 1997 eine eigene Pilotaktion und von 1998 bis Ende 1999 das Aktionsprogramm „Europäischer Freiwilligendienst für junge Menschen“. Als Teil des Programms JUGEND im Jahr 2000 und jetzt in JUGEND IN AKTION hat sich der Europäische Freiwilligendienst (EFD) längst einen prominenten Platz erobert. Seit 1998 haben rund 11.000 Jugendlicheim Alter von 18 bis 25 in Deutschland eine von 600 gemeinnützigen Organisationen, ein so genanntes „Aufnahmeprojekt“, gefunden oder sind für sechs bis zwölf Monate ins europäische Ausland gegangen. EU-weit sind es zehnmal so viele. Längst melden sich jährlich mehr, als gefördert werden können. „Der EFD hat sich auf Grund seiner Qualitätsstandards zu einem bedeutenden Ort interkultureller Jugendbildung entwickelt und (internationalen) Freiwilligendiensten zu einer Anerkennung als eine Form nicht-formaler Bildung im Rahmen lebensbegleitenden Lernens verholfen“, bestätigte derBericht der Bundesrepublik Deutschland an die EU-Kommission zu den Ergebnissen der Zwischenevaluierung des EU-Aktionsprogramms JUGEND in Deutschland[1].

Kein Wunder, denn der Europäische Freiwilligendienst bietet Raum für vielfältige informelle und nicht-formale Bildungserfahrungen und ermöglicht vertieftes interkulturelles Lernen. Mit ihm wird Losungen wie „Förderung der aktiven europäischen Bürgerschaft junger Menschen“ oder „Entwicklung der Solidarität“ und „Förderung der Toleranz unter jungen Menschen zur Stärkung des sozialen Zusammenhaltes in der Europäischen Union“ (alles aus dem zurzeit gültigen Programmhandbuch) europäisches Leben eingehaucht.Der Europäische Freiwilligendienst bewirkt in jedem Fall einen Zuwachs an Lebenskompetenz. Wirklich? Was lernt, erfährt, gewinnt man und frau denn dabei?

„Mein Leben wäre ohne den Europäischen Freiwilligendienst ganz anders verlaufen.”[2]

Zum Start des Aktionsprogramms JUGEND Jahr 2000 wurden erstmalig der Europäische Freiwilligendienst und seine Wirkungen untersucht. Eine weitere Bewertung erfolgte mit der Zwischenevaluation des Gesamtprogramms im Jahr 2004 und mit der Endevaluation 2007. Schon die erste, umfangreiche Studie Evaluationsstudie „Lern- und Bildungsprozesse im Europäischen Freiwilligendienst” von 2000, vom „Deutschen Büro Jugend für Europa“ beim Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) in Auftrag gegeben, fragte zukunftsweisend nach den Kompetenzen, die junge Erwachsene während ihres Freiwilligendienstes gewinnen können. Auch die Zwischenevaluation im Januar 2004 und die Endevaluation im August 2007 fragten nach Wirkungen für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Um es gleich zu sagen: Der EFD wirkt und gefällt. Die große Mehrheit der Freiwilligen, 67,9 %, bewerteten ihn im Jahr 2000 insgesamt mit „sehr gut“, 25,2 % mit „gut“. In der Evaluation 2007 stellten die Teilnehmenden ein noch besseres Zeugnis aus: Bei über drei Viertel (77 %) der Begünstigten wurden die Erwartungen erfüllt, 93 % bewerten den persönlichen Gesamtnutzen hoch bzw. sehr hoch und 85 % der Befragten gaben an, dass sie, sofern sie nochmals vor der Entscheidung stehen, sie sich auf jeden Fall erneut an einem Europäischen Freiwilligendienst beteiligen würden.

„Ich habe viel über die Menschen und ihre Verhaltensweisen kennen gelernt, und es hat mir sehr viel Spaß gemacht, neue Leute kennen zu lernen.”

Dabei ist der Freiwilligendienst eine Herausforderung - „Ich war zum ersten Mal in meinem Leben weg von zu Hause, musste mein Leben selbst in die Hände nehmen und mich alleine ‚durchboxen‘“ -, deren Bewältigung die Persönlichkeit und das Selbstbewusstsein stärkt:„ Ich bin viel selbstständiger geworden und bereit, die Initiative für mein eigenes Leben zu übernehmen. Außerdem habe ich ganz neue Seiten an mir entdeckt, zum Beispiel durch den Umgang mit behinderten Menschen. Positive Rückmeldungen haben mir viel Selbstsicherheit gegeben.”  

Die Liste der zu erwerbenden Kompetenzen ist lang. Darauf stehen: persönliche Autonomie, Ich-Stärke und Selbstständigkeit, die Einsicht in eigene Stärken und Schwächen, Offenheit gegenüber anderen Menschen, einer fremden Gesellschaft oder der Natur, sozialintegrative Kompetenzen wie der Umgang mit anderen Menschen, kommunikative Fähigkeiten, Fremdsprachenkompetenz, Toleranz, Empathie, interkulturelle Handlungskompetenz. Darüber hinaus fördert der EFD die Beschäftigungsfähigkeit Jugendlicher und erleichtert ihnen den Übergang ins Erwerbsleben. Zum einen erfahren die Jugendlichen eine Klärung ihres Berufsziels, zum anderen werden beruflich verwertbare Kompetenzen erworben.

Wenn viele Jugendliche bereits vorher für politisches, soziales und gesellschaftliches Engagement motiviert waren, verstärkt der EFD diese Haltung offensichtlich – häufig im Sinne der Verständigung unterschiedlicher Nationen, Kulturen, Völker und Minderheiten. „Europa wird für die Jugendlichen durch den Auslandsaufenthalt weniger abstrakt, mehr greifbar, selbstverständlich und reizvoll. Im Vordergrund steht das Europa der Freundschaften und Reisefreiheit, weniger das politische Europa: Die Europäische Integration wird zwar positiver bewertet, aber kaum politisch reflektiert. Zugleich stiegt die Bereitschaft zur Mobilität in ganz erheblichem Maße: Es entsteht eine hohe Bereitschaft für längere Zeit im Ausland zu leben und zu arbeiten.“[3]

Über 80 % der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gaben für dieEvaluation 2007 an, dass vom EFD ein hoher bzw. sehr hoher Nutzen ausging. Dieser lässt sich selbst für diejenigen nachweisen, die ihren Dienst frühzeitig beenden.

„Ich habe ein besseres Verständnis für Ausländer als vorher, da ich ja selbst so lange Ausländerin war.”

Solche Bildungserfolge kommen nicht von allein. Alle Evaluationen zeigten einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Betreuung in den Einsatzstellen und dem Kompetenzerwerb der Freiwilligen auf. Je selbstständiger, besser betreut, mit angemessenen Aufgaben betraut, in einem besserem Arbeitsklima die Freiwilligen in ihrer Einsatzstelle handeln konnten, desto höher schätzten sie ihren Kompetenzzuwachsein. Je größer die Zufriedenheit mit der persönlichen Betreuung und Anleitung durch die Einsatzstelle, desto größer die Lern- und Bildungsprozesse. Auch ein Zusammenhang zwischen dem Kompetenzerwerb und den Motivenund Erwartungen der Freiwilligen ist erkennbar: Eingegrenzte Motive wie zum Beispiel der Wunsch, eine andere Sprache zu lernen, scheinen eher ungünstig für Lernprozesse in anderen Kompetenzbereichen zu sein. Anders gesagt: Je offener Freiwillige sich in die neue Situation begeben, um so mehr profitieren sie davon.

„Der EFD war ein sehr wichtiger und auch schöner Teil meines Lebens. Ich habe sehr viel über mich selbst gelernt, einen inneren Frieden und die Lust zu leben.“

Womit wir beim „dunklen Fleck“ des Freiwilligendienstes wären: Die meisten Jugendlichen bringen bereits günstige Voraussetzungen mit. 93 % haben Abitur bzw. Fachhochschulreife, 93 % kommen aus einem deutschen Elternhaus, 80 % sind junge Frauen. Dieses Profil ist einseitig, aber verständlich. Aufgrund des Mindestalters von 18 Jahren, das im EFD vorgeschrieben ist, können jüngere Jugendliche mit Hauptschul- oder Realschulabschluss kaum im Anschluss an die Schulzeit einen EFD machen. Während der Ausbildungszeit oder Berufstätigkeit gibt es dann kaum mehr die Möglichkeit für eine Auszeit. Und während junge Männer in diesem Alter meist den Wehr- oder Zivildienst ableisten müssen, haben Mädchen eher die Zeit, vor Studium oder Ausbildung einen Freiwilligendienst zu absolvieren.  

Die Herausforderung liegt also darin, organisatorische und kommunikative Voraussetzungen zu schaffen, auch andere Teilnehmerkreise zu erschließen. Denn die Studien geben keinen Anlass daran zu zweifeln, dass eine Übertragung der oben genannten Lern- und Bildungsprozesse auch auf Nicht-AbiturientInnen und benachteiligte Jugendliche stattfinden kann.

Als ein Instrument hat JUGEND für Europa dafür mit Partnern das Projekt JiVE. Jugendarbeit international -Vielfalt erleben entwickelt, das die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in und durch die internationale Jugendarbeit fördern will - insbesondere im Europäischen Freiwilligendienst (EFD). JiVE spricht gezielt Migrantenselbstorganisationen, Jugendmigrationsdienste und bereits anerkannte Träger des Europäischen Freiwilligendienstes an, EFD-Projekte unter Beteiligung Jugendlicher mit Migrationshintergrund zu entwickeln. Damit am Ende möglichst viele Jugendliche sagen können: „Europa ist für mich enger zusammengerückt.”


[1]Bericht und Empfehlungen der Bundesrepublik Deutschland an die EU-Kommission: Ergebnisse der Zwischenevaluierung des EU-Aktionsprogramms JUGEND in Deutschland. Gestaltung eines europäischen Jugendprogramms nach 2006, hg. v. JUGEND für Europa, impact JUGEND, special Band 4, S.36

[2]Die O-Töne von Freiwilligen sind dem Bericht „Lern- und Bildungsprozesse im Europäischen Freiwilligendienst von Roland Becker, Heike Brandes, Ulrich Bunjes und Werner Wüstendörfer, JUGEND für Europa special Band 1, entnommen. 

[3]Vorwort von Hans-Georg Wicke in: Lern- und Bildungsprozesse im Europäischen Freiwilligendienst von Roland Becker, Heike Brandes, Ulrich Bunjes und Werner Wüstendörfer, JUGEND für Europa special Band, S.III

Zusammenfassung

 „Was fürs Leben: Der Europäische Freiwilligendienst wirkt nachhaltig“ fasst die Ergebnisse der bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen über die Wirkungen des Europäischen Freiwilligendienstes auf Lern- und Bildungsprozesse junger Menschen zusammen.