Projektvorbereitender Besuch - Caravan 2000
Empowerment von jungen Menschen mit geistiger Behinderung
Reaktionen auf persönliches Engagement sind bisweilen motivierend und verletzend zugleich. Junge Menschen mit geistiger Behinderung und Mitarbeiter des DRK-Kreisverbands Berlin-Reinickendorf machen diese Erfahrung seit 1995. Seit dieser Zeit organisieren sie gemeinsam multilaterale Jugendbegegnungen. Und was ein durchaus revolutionäres Konzept ist, wird immer wieder mit bitterbösen Kommentaren über den Sinn und Nutzen solcher Projekte bedacht.
Was verständen junge Menschen mit geistiger Behinderung schon von politischer Bildung? Dieser rhetorischen Diskriminierung tritt der DRK-Kreisverbands Berlin-Reinickendorf offensiv entgegen. Schließlich ist der europäische Gedanke nichts Abstraktes, sondern für jeden Menschen konkret erfahrbar.
Eckpunkte des Empowerment-Konzeptes
Empowerment bedeutet, Strategien zu entwickeln, die das Maß an Selbstbestimmung im Leben der Menschen erhöhen. "Auch wenn 1995 die Empowerment-Vokabel so nicht gebräuchlich war, stand das Konzept von Anfang an hinter unseren multilateralen Aktivitäten", sagt Gerlinde Bernsdorff vom DRK Kreisverband. "Und der große Zuwachs an Selbstbewusstsein und Kompetenz, den wir nach jedem Projekt bei den Teilnehmern beobachten konnten, macht uns Mut, diesen Weg immer weiter zu gehen."
2004 entwickelte der DRK Kreisverband zusammen mit fünf europäischen Partnerorganisationen neue Qualitätsstandards. Diese Kriterien sollen den Jugendlichen mit geistiger Behinderung helfen, sich zukünftig aktiver in die Projekte einbringen zu können.
Die Eckpunkte des Empowerment-Konzepts basieren auf langjährigen Projekterfahrungen. Sie benennen die typischen Hindernisse, die bei Jugendbegegnungen auftreten, und formulieren ehrgeizige Ziele. Oberster Grundsatz ist, dass kein Jugendlicher aufgrund seiner Behinderung von der Teilnahme an einem Projekt ausgeschlossen werden darf. Dasselbe gilt bei finanzieller Benachteiligung.
Von Anfang an müssen die Jugendlichen aktiv in die Gestaltung des Programms eingebunden werden. Die schriftfreie Kommunikation mit den Jugendlichen ist ein Standard, der die Voraussetzung schafft, dass jeder seine Wünsche artikulieren kann.
Die Schwere der Behinderungen differiert stark. Das erfordert einen erhöhten Betreuungsaufwand, personell wie finanziell. Aufgrund der heterogenen Gruppen kann es auf internationalen Begegnungen zu Konflikten unter den Teilnehmern kommen. Diesen Konflikten wird mit dem Empowerment-Konzept frühzeitig entgegengewirkt. Vor einer Begegnung weiß jeder Teilnehmer, wie seine Gruppe aussehen wird; Regeln für das Zusammenleben sind von sämtlichen Jugendlichen verabschiedet worden. Sprachkurse begleiten die Begegnung.
Ausblick
Die Partner aus Deutschland, England, Griechenland, Malta, Polen und Schweden einigten sich auf eine Serie von sechs multilateralen Jugendbegegnungen, die zwischen 2005 und 2007 nach den Standards des Empowerment-Konzepts durchgeführt werden. Auch Projekte in den Aktionen 3 und 5 sind geplant.
Die größte Schwierigkeit von internationalen Jugendbegegnungen, an denen Menschen mit geistiger Behinderung teilnehmen, kann das Empowerment-Konzept hingegen nur indirekt lösen - die fehlende Akzeptanz von öffentlicher Seite und damit einhergehend die unzureichende finanzielle Unterstützung. Nur immer wieder neue erfolgreiche Projekte können eine Bewusstseinsänderung herbeiführen. Für die Jugendlichen, den DRK-Kreisverband Berlin-Rheinickendorf und seine europäischen Partner ist dies eine Karawane der kleinen Schritte.
(Andreas Klünter)







